Dienstag, 22. August 2017

Nazis vs. ISIS

Die sozialen Medien sind nach Ansicht vieler Beobachterinnen und Beobachter ein wichtiges Schlachtfeld im Kampf von und gegen Extremisten. Über die genauen Zusammenhänge und Wirkungen kann man streiten, nicht aber über den Bedeutungszuwachs. 

Nazis vs. ISIS - was klingt wie die Fortsetzung von Iron Sky oder Alien vs. Predator, ist Gegenstand einer Studie der George Washington University über Extremismus auf Twitter. Der vollständige Titel lautet dann auch: Nazis vs. ISIS on Twitter - A Comparative Study of White Nationalist and ISIS Online Social Media Networks.


Ein Faktor, der soziale Medien für Extremisten interessant macht, ist die Möglichkeit der Vernetzung. So kann nicht nur die eigene Botschaft öffentlich verbreitet, sondern die eigene Weltanschauung gestärkt und mobilisiert werden. Die Grafik zeigt die Vernetzung unter 4.000 bekannten Twitteraccounts von white nationalists. Quelle: Berger 2016: 2.
Die Studie vom September 2016 (aktuelle Erkenntnisse stützen die Ergebnisse) kommt zum Schluss, dass Akteure der white nationalist-Bewegung innerhalb von fünf Jahren etwa 22.000 Follower gewinnen konnten. Das entspricht einer Zunahme um etwa 600 Prozent seit 2012. Neben der Rezeption von Nachrichten und der Vernetzung untereinander, entstanden auch sog. organized trolling communities, die versuchen mit massiver Präsenz und polemischer, plakativer oder hetzender Wortwahl Meinungen zu beeinflussen, bzw. die öffentliche Debatte zu prägen. 

Vergleicht man die Accounts von white nationalists und denen, die mit ISIS sympathisieren oder aktiv unterstützen, so zeigt sich, dass in nahezu allen Kategorien (Followerzahl, Reichweite,...) rechtsextremistische Meinungen eine höhere Sichtbarkeit haben. Dies liegt aber nicht nur an unterschiedlichen Unterstützerzahlen oder Unterscheiden beim Nutzerverhalten, sondern auch an der Tatsache, dass Twitter (aber auch Facebook u.a.) konsequenter gegen ISIS-Propaganda als gegen andere Hate Speech vorgehen. Zudem ließe sich natürlich auch der Untersuchungsgegenstand über ISIS hinaus auf andere radikalislamistische Inhalte erweitern (auch wenn ISIS hier dennoch stark dominiert), was die Zahl ebenfalls erhöhen würde.

Über was wird "diskutiert"?

Das populärste Thema der Rechtsextremisten ist das Konzept des "white genocide". Dieser wird zum Beispiel in Südafrika immer wieder heraufbeschworen, in jüngerer Vergangenheit wurde die Netflix-Serie Dear White People dazu auserkoren als angebliches Beispiel zur Verherrlichung des "weißen Genozids" zu dienen, u.a. eben auch auf Twitter. Hier wird tagtäglich die Bedrohung der weißen Rasse in hunderten Tweets propagiert. 

Politisch gesehen besteht laut der Studie eine recht enge Verbindung zur Agenda Donald Trumps. Zumindest legen die Hashtags nahe, dass die Aussagen des damaligen Präsidentschaftskandidaten die beste Mischung aus Reichweitenerzielung und inhaltlichen Überzeugungen funktionierte. 

Wie die meisten aktivistischen Gruppen nutzen auch white nationalists populäre Hashtags, um die Reichweite zu erhöhen. Quelle: Berger 2016: 10

Beachten muss man bei allen extremistischen Gruppen, dass zumeist eine kleine, aber hochaktive Zahl von Personen die Debatten prägt. Werden einzelne Tweets von Medien aufgegriffen und über die "klassischen" Kanäle verbreitet, erhöht dies dann die Reichweite. Insofern scheint eine Folgerung aus der Studie zu sein, dass extremistische Strömungen und Aktionen durchaus Gegenstand der Medienberichterstattung sein sollten, die Fokussierung auf einzelne Personen und das bloße Einbinden von Tweets aber eher nicht zu einer sachlichen Auseinandersetzung führen, sondern einzelnen Extremisten bzw. Accounts schlicht zu mehr Popularität verhelfen.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Ein großer Unterschied ist sicherlich, dass ISIS von potentiellen Unterstützern als sehr viel geheimnisvoller und verschlossener wahrgenommen wird, was deren Anziehungskraft in bestimmten Kreisen noch erhöht. Während deren Netzwerke auch Propaganda und talking points verbreiten, geht es den Accounts aus diesem Spektrum laut der Studie jedoch vor allem darum Akteure zu vernetzen und eine (virtuelle) Gemeinschaft entstehen zu lassen(mit einem positiven Erscheinungsbild und potentiellen Ansprechpartnern). White nationalists dagegen gehen neben der Verbreitung der eigenen Weltsicht vor allem der Tätigkeit des Trollens nach, zetteln Shitstorms an und versuchen eine angebliche Meinungsübermacht im Bereich des eigentlich Unsagbaren (zum Beispiel wegen angeblicher political correctness) zu demonstrieren. 

Desweiteren hat ISIS meist den news cycle auf seiner Seite. Fast täglich gibt es Meldungen, die im Zusammenhang mit dem Islamischen Staat oder anderen radikalislamistischen Gruppen stehen. Dies liefert einfache Anknüpfungspunkte zur "Medienarbeit". Rechtsextremisten scheinen eher die eigene Weltsicht (und deren historischen Wurzeln) immer wieder aufs Neue zu verbreiten. Allerdings kann sich dies - wie Charlottesville gezeigt hat - schnell ändern. Solche Ereignisse begünstigen die Rekrutierung und die Planung von Aktionen. Auch die Fragmentierung, die laut Studie im rechten Spektrum stark ausgeprägt ist, kann so verringert werden (die Demonstration in Charlottesville wurde ja auch unter dem "Motto" Unite the Right angemeldet). Dennoch bleiben natürlich die Ziele und die Aufforderungen aktiv zu werden unschärfer als bei der Propaganda von ISIS. 

Neben technischen Anstrengungen seitens der Plattformbetreiber, die durchaus kritisch zu sehen sind, wird Extremisten durch die Eigenheiten virtueller Debattenkultur das Leben scheinbar zunehmend schwerer gemacht. Sei es, dass Gegenmeinungen trotz fehlender sachlicher Auseinandersetzung öffentlich vertreten werden, oder schlicht andere Trolle die Diskussionen sprengen. Neu war nach Charlottesville auch, dass Aktivisten soziale Medien dazu nutzten Teilnehmerinnen und Teilnehmer "an den virtuellen Pranger" zu stellen. Am besten funktioniert aber offenbar sich extremistischen Meinungen in der Realität entgegenzustellen:



Festzuhalten bleibt, dass rechtsextreme Stimmen in sozialen Medien (nicht nur in den USA) an Bedeutung gewonnen haben und deren Wachtumsdynamik die von ISIS mittlerweile übertrifft. Dies hat wie oben aufgeführt mehrere Gründe, neben technischen Sperren u.ä. von islamistischen Inhalten, sicherlich auch der bewusste Drahtseilakt zwischen Äußerungen, die unter die Meinungsfreiheit fallen und solchen, die rechtlich nicht mehr zulässig sind.

Einig im Hass

Trotz aller Unterschiede, man fragt sich, woher der Hass und das Sendungsbewusstsein dieser Menschen kommen. Bei der Suche nach Ursachen sollte man sehr vorsichtig sein, schließlich sind die Ausgangsbedingungen von radikalislamistischem und Rechtsterrorismus in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlich. Doch ein Faktor bei der Frage nach den Ursachen von Gewalt ist Angst. Angst vor Marginalisierung, Abstieg oder der Hilflosigkeit nicht mehr Subjekt, sondern bloßes Objekt zu sein.

Die Nobelpreisträgerin von 1993, Tony Morrisson schrieb dazu Ende des vergangenen Jahres in ihrem Artikel "Making America White Again" im New Yorker: "These people are not so much angry as terrified, with the kind of terror that makes knees tremble."

Montag, 21. August 2017

Keine Polizei ist auch keine Lösung

"Wenn man eine Gemeinschaft aufbaut, dann verschwindet die Gewalt."

In den USA gibt es vermehrt Stimmen, die Alternativen zur Polizei als (einzige) Trägerin der öffentlichen Sicherheit suchen. Das können gemeinschaftliche Ansätze sein, wie im oberen Zitat angedeutet, die kriminalitätsbelastete Orte aufwerten wollen. Oder sog. "Peace Circles", die Gewalt und Verbrechen aufarbeiten sollen. Auch Formen der Rechtssprechung, wie sie z.B. in Ruanda nach dem Völkermord von 1994 praktiziert wurden (die sog. Gacaca wurden 2002 reaktiviert, um den Versöhnungsprozess voranzutreiben), können alternative Formen der Strafverfolgung sein.
Doch inwiefern untergräbt dies nicht die Legitimität des Staates, dessen Bürgerinnen und Bürger selbst Träger der staatlichen Gewalt sind und ein Interesse daran haben, dass staatliche Institutionen die eigene Unverletzlichkeit schützen? 
Kommen wir also schlicht nicht ohne Polizei aus? Das kommt darauf an, wer mit diesem «wir» gemeint ist. Die Argumentation von Hobbes ist gänzlich aus der Perspektive des Besitzbürgers formuliert, der sich um sein Eigentum sorgt. Tatsächlich wird Menschen, die zur hiesigen Mehrheitsgesellschaft gehören, einen Job haben, vielleicht eine Immobilie ihr Eigen nennen und keine Suchterkrankung haben, die Institution der Polizei kaum Kopfzerbrechen bereiten. Mit dieser dürften sie im Alltag nur selten in Berührung kommen.
Oberes Zitat macht deutlich, worum es geht: Nicht alle Bürgerinnen und Bürger sind gleichermaßen von Verfehlungen betroffen. Vorschläge zu Alternativen des staatlichen Gewaltmonopols, das mit Hilfe der Polizei durchgesetzt wird, kommen zum Beispiel aus der Richtung der Black Lives Matter-Bewegung, deren AktivistInnen sich u.a. gegen Polizeiwillkür und -gewalt einsetzen. Die Kritik an der Polizei zielt dabei aber direkt auf innerinstitutionelle Veränderungen ab, bzw. richtet sich gegen ursächliche systemimmanente Phänomene, wie es der Rassismus in den USA eben auch heute noch ist. 
"The Wall of Plexiglass" - Polizisten beim G20-Gipfel in Toronto 2010. Credits: ebt47563, via Flickr
Das ist wichtig sich vor Augen zu rufen, denn Polizeikritiker kommen durchaus auch aus ganz anderen Richtungen. Zum Beispiel aus den Reihen der Libertarier, die Sicherheit als ein Gut wie jedes andere ansehen, das sich durch private Anbieter "herstellen" und "verteilen" lässt. Welche Konsequenzen dies hat, lässt sich leicht prognostizieren. Das Sicherheitsluxuspaket für die einen (möglicherweise sogar inkl. des Schutzes privater Daten), der Basisschutz mit zahlreichen Einschränkungen, was den "Service" (Reaktionszeiten; Ausschluss bestimmter Gebiete für Hilfe; Datenerfassung;...) angeht.
Also auch ein Ungleichgewicht, allerdings ein transparenteres und marktgesteuertes? So einfach ist es nicht, schließlich kann eine staatliche Institution viel stärker evaluiert und reguliert werden. Kritik am Vorgehen staatlicher Akteure kann zu Konsequenzen und Veränderungen führen, die deeskalierend wirken und weit über die Möglichkeiten der Regulierung privater Akteure hinausgehen.

Daniel Hackbarth kommt so in seinem Artikel "Wer braucht schon die Polizei" in der Wochenzeitung - WOZ zum Schluss, dass die Alternativen sicherlich nicht als ultimative Problemlöser taugen - aber manche:

"[...] beweisen politische Fantasie, die humanere gesellschaftliche Zustände anvisiert. Und schon das ist in einer Zeit, in der ReaktionärInnen den Ton angeben, viel wert."

Donnerstag, 3. August 2017

Sicherheitspolitik: "Es ist längst an der Zeit, dass der deutsche Michel dies versteht."


Dr. Maximilian Terhalle, lehrt Internationale Politik an der Universität Winchester. In seinem Beitrag in der FAZ lässt er die Idee der Bündnis- und Blockpolitik wieder aufleben. Statt multilaterale bzw. supranationale Institutionen zu stärken und zu nutzen, gilt es für ihn "den Westen" zu verteidigen.



Man mag sich streiten, ob diese Sichtweise angemessen, oder gar gefährlich ist. Interessant ist der Text dennoch, da er auch deutlich macht, dass militärische Einsätze meist wenig mit strategischen Überlegungen, sondern mit Stimmungen, Emotionen und Tagespolitik zu tun haben. Diese Kritik richtet sich letztlich an uns selbst, die Wählerinnen und Wähler, die sich ungern den internationalen Realitäten stellen.

Diese Realität kann man wie Terhalle schildern und dabei Russland und China als feindliche Mächte beschreiben. Oder man kann die Krisen- und Konflikthaftigkeit einer internationalen Ordnung, die nur am Erhalt des Status Quo interessiert ist, anerkennen. Und sich bewusst machen, dass viele Konfliktherde Resultat einer Politik sind, die auf dem Papier Interessenausgleich, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit fordert, real aber das nationale Eigeninteresse, das Recht des Stärkeren und wirtschaftliches Wachstum in den Mittelpunkt stellt. Die Ergebnisse erleben wir tagtäglich (bzw. könnten sie erleben, wenn wir nicht lieber wegschauen).

Angesichts der politischen Haltungen und Meinungen könnte man fast vermuten, dass der deutsche Michel das schon verstanden hat (auch wenn es ihm selbst noch gar nicht so bewusst ist, und er sich "lieber" mit Geflüchteten oder Extremisten auseinandersetzt).

Freitag, 21. Juli 2017

Haben die Medien wirklich versagt? Anmerkungen zur "Flüchtlingskrisen"-Studie

"Große Teile der Journalisten haben ihre Berufsrolle verkannt und die aufklärerische Funktion ihrer Medien vernachlässigt." - Das ist ein Fazit der Studie "Die "Flüchtlingskrise" in den Medien" der Hamburg Media School und der Uni Leipzig, die von der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung veröffentlicht wurde. Im Folgenden ein paar Anmerkungen zu den Ergebnissen.

Die Pressemitteilung fasst sie so zusammen:  
"Informationsmedien sind in der Berichterstattung 2015/16 über Flüchtlinge ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden +++ Sie waren mehr „politischer“ Akteur als neutraler Beobachter +++  tief greifende Sinn- und Strukturkrise des sogenannten Mainstreamjournalismus dokumentiert +++ Lebenswelt des Publikums spiegelt sich nicht ausreichend in der Medienwelt wider +++ medienkritische „Pionierarbeit“ von Prof. Haller jetzt erschienen +++

Das sind harte Wertungen, die aber bei vielen Menschen auf Verständnis treffen, da sie das Gefühl mit ihren "Sorgen und Ängsten" nicht ernst genommen worden zu sein, bestätigt. 

Noch drei Vorbemerkungen. Erstens: Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Thema ist immer zu begrüßen. Zweitens: Es ist völlig in Ordnung Medienkritik zu betreiben. Drittens: Die Zurückhaltung, die wissenschaftlichen Erkenntnissen innewohnt, sollte stets beibehalten werden.

Was Drittens angeht, ist die Studie kritisch zu sehen, gerade wenn man auch die öffentlich (gewollte - siehe Pressemitteilung) Wirkung miteinbezieht. 

So finden sich zum Beispiel zahlreiche Formulierungen folgender Art in der Studie, wenn es um die Herleitung des Begriffs "Willkommenskultur" und der Frage des Umgangs damit geht: 
Im Unterschied zu den beiden Volksparteien forderten die Grünen im Jahr 2007 mit dem Schlagwort Willkommenskultur keine verbesserte Arbeitsmarktpolitik, sondern einen irgendwie toleranteren Umgang mit den in Deutschland lebenden Migranten. Erst sechs Jahre später findet sich im Wahlprogramm der Grünen die in etwa gleiche Argumentationslinie wie bei den Regierungsparteien, indem die „wirkliche“ oder „echte“ Willkommenskultur dafür sorgen soll, dass sich ausländische Arbeitnehmer in Deutschland wohlfühlen können: Willkommenskultur als Integrationshilfe nicht für Flüchtlinge und Asylsuchende, sondern für Zuwanderer und Ausländer aus der EU. (S.77)
Zunächst handelt es sich bei diesen Sätzen um eine Betrachtung der Partei Bündnis90/Die Grünen bezüglich ihres Gebrauchs des Wortes Willkommenskultur. Das Kapitel soll als Beweis für den unreflektierten und bürgerfernen Umgang und die Begriffsentwicklung dienen. Doch wer den Umgang nicht mag, wählt eine andere Partei. Und das als Indikator für eine Entfremdung zu benutzen, ist schwierig. Das heißt nicht, dass der Befund falsch ist, aber am Schluss heißt es: 
Haltungen, Einstellungen und Denkmuster, die mit dem Slogan Willkommenskultur beeinflusst werden sollten, lassen sich demzufolge nicht von oben nach unten (top-down) umkrempeln; sie  wachsen, wenn schon, dann umgekehrt (bottom-up) in die „Repräsentationslücken“ hinein, vernetzen sich und können – wie mehrere Studien zeigen – zu Bewegungen werden, die opponieren, wenn sie sich „von denen da oben“ übergangen fühlen. (S. 79)
Dies ist bei den meisten Einstellungen der Fall. Hier geht es um einen Begriff, der in vielen Wahlprogrammen auftaucht, vor 2015 aber den meisten Menschen gar nicht bekannt gewesen sein dürfte. Kann er wirklich schon vorher als Beweis für eine Art "Umerziehung" durch die Politik sein? Die - wenn in Regierungsverantwortung - in diesem Politikfeld immer nicht nur förderte, sondern auch mit Nachdruck forderte?
Im Laufe des Jahres 2014 wurde das Willkommenskultur-Paradigma umformuliert und auf asylsuchende Flüchtlinge ausgedehnt, dann zum Anliegen der „Bürgergesellschaft“ erklärt und freie Träger, ehrenamtlich Tätige und zivilgesellschaftlich engagierte Gruppen zur Mithilfe moralisch verpflichtet. (S. 79)
Das ist ein weitreichender Schluss, der sich aus dieser Analyse von Wahlprogrammen schlicht nicht seriös ableiten lässt, was die Wirkung angeht. Und so tauchen an vielen Stellen kleine methodische Probleme auf. Da stehen dann Sätze wie:
Ganz augenscheinlich durchlief das Wort Willkommenskultur (als Raffer des Ausdrucks „Kultur des Willkommens“) im Verlauf der vergangenen rund zehn Jahre in den Printmedien eine beeindruckende Karriere. (S.58)
Die Erläuterung in den Fußnoten sieht so aus:
Der Bedeutungszuwachs des Stichworts „Willkommens- und Anerkennungskultur“ kann in der Rubrik „Diskussion“ bei Wikipedia nachvollzogen werden. Die Begriffserklärung selbst hat sich dort inzwischen zu einem Volumen von 10.000 Wörtern bzw. 79.000 Zeichen aufgebläht (Stand Februar 2017).
Die Feststellung mag stimmen, aber die "Beweisführung" mit Wikipedia ist Quatsch:

Screenshot Wikipedia
  
Der Artikel wurde 2013 angelegt und bis Ende des Jahres 2014 ganze 13-mal geändert. Die Dynamik kam dann mit der Relevanz des Themas. Daraus eine "beeindruckende Karriere" zu zimmern, ist grenzwertig. Nochmal: Eine solche Kritik stellt keinesfalls die Ergebnisse der Studie in Frage. Aber sie lädt zur Zurückhaltung, was die Interpretation und Reichweite der Ergebnisse angeht, ein. 

Auch im Hauptteil geht es nicht darum die Studie als unsinnig oder falsch abzustempeln. Es stellt sich nur die Frage der Güte der Wertungen. 


Haller 2017: 88

So heißt es: 
Die   hier   nur   in   aller   Kürze   skizzierten Ausprägungen  zeigen,  dass  die  Lokal- und Regionalpresse den Themenzusammenhang zwischen Willkommenskultur und Integration „im Sinne der Erfinder“ vermittelt und ihre Berichterstattung bis zum Sommer 2015 überwiegend aus der Perspektive der Politik und der „Willkommenheißenden“ stattfand. Ihre Sorgen bezogen sich auf die Feindseligen. Grundrechtsbezogene Ängste und Bedenken wurden erst im Januar 2016 während ein paar Wochen relevant, als sich mit der sogenannten  „Kölner Silvesternacht“ eine andere, man möchte sagen: dunkle Seite zeigte, die mit dem Euphemismus der Willkommenskultur nicht zusammenpasste. (S. 90)
Dabei zeigt die zugehörige Abbildung, dass die Worte "Flüchtlingswelle" oder "Migrantenströme" oder auch "Flüchtlingsansturm" rege genutzt wurden. Die Wahrnehmung war hier offenbar in den lokalen und regionalen Medien durchaus von Überforderung geprägt und nutzte Bilder mit einem bedrohlichen Charakter. Es ist also eine gewagte Behauptung, dass Grenzen und Fragen des "Wann ist das Boot voll?" gänzlich ausgeblendet wurden. 

Später geht es um das Hinterfragen politischer Inhalte. Hier könnte man schon direkt sagen: Dieses Hinterfragen bzw. das fehlende Hinterfragen ließe sich sicherlich oft kritisieren und z.B. mit mangelnden Ressourcen, Ausbildung, Zeitdruck, u.ä. innerhalb der Medien erklären.
Von diesen 6.479 Berichten, die bis zum 30. Juni 2015 publiziert wurden, zeigen die verbliebenen 5.366 Berichte im Korpus eine durchwegs positive, manche eine belobigende, viele eine einfordernde Haltung zum Narrativ Willkommenskultur. Dies sind knapp 83 Prozent aller Berichte (die das Narrativ Willkommenskultur enthalten) in den untersuchten Lokal- und Regionalzeitungen. (S. 99)
Es geht im oberen Zitat nicht um Kommentare, sondern um Berichte. Dennoch die naive Frage: Warum sollte Willkommenskultur negativ konotiert sein? Wer regelmäßig den Lokalteil liest, kennt die Porträts und Artikel, die sich mit lokalen Akteuren beschäftigen. Warum sollten Menschen, die sich vor Ort für eine Willkommenskultur einsetzen, negativ dargestellt werden? Eine positive Darstellung ist nicht mit einer Meinungsäußerung gleichzusetzen.

Diese Frage begründet aber noch keinen Zweifel am Vorgehen der Untersuchung. Die Frage, ob es bei der Erfassung nicht gut gewesen wäre "positiv", "belobigend" und "einfordernd" zu trennen, aber schon. Denn Offenheit und Vielfalt als positive Werte darzustellen, ist etwas anderes als diese einzufordern. Dies hat auch eine andere Wirkung auf die Leserinnen und Leser. Außerdem stellt sich die Frage, ob Negativberichte das Wort der "Willkommenskultur" nicht gänzlich vermeiden, wenn sie es nicht direkt kritisieren wollen. Genauso wie neutrale Berichte, die das Wort, da es ja so stark mit Wertungen besetzt ist, ebenfalls eher meiden könnten.

Bei der dann folgenden Analyse der Leitmedien fragt man sich an einigen Stellen, wie Neutralität verstanden wird. Bei Meldungen darüber, dass Hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken, sei laut der Studie "der Konfliktgehalt bzw. die Kontroverse des  Themas" zwar aufgezeigt, aber "nicht weiter skandalisiert" (S. 109) worden. Angesichts von einem im Grundgesetz verankerten Asylrecht, der EU als Friedensnobelpreisträgerin und der Annahme der meisten Bürgerinnen und Bürger über sich, dass sie selbstverständlich offen und menschenfreundlich seien, wirkt diese Wertung in dem Zusammenhang skurril. 

"1.000 Menschen ertrunken - Aber müssen die denn wirklich alle kommen?"

Vor der Küste Libyens sind gestern... [...] Eine Bürgerin sagte: "Selbst schuld, wer in ein solches Boot steigt..." Ein Nachbar fügte hinzu: "Das ist ja mal eine erfreuliche Nachricht. Denn unsere Turnhalle kann schon seit Wochen nicht benutzt werden, dabei stehen doch bald die Meisterschaften in..." 

So? Das wäre dann ausgewogen? Natürlich ist das polemisch. Aber was soll mit einer solchen Aussage gemeint sein? Vor allem, weil fast alle Berichte, die direkt nach dem Unglück erschienen, die Forderung nach der Bekämpfung von Schlepperbanden enthielten. Ein Tag nach dem Unglück heißt es im "Standardbericht" bei SPON (der in ähnlicher Art und Weise sicher auch auf ZEIT Online, Sueddeutsche.de usw. zu finden war):
Trotz ihrer grundsätzlichen Unterstützung sehen Merkel und de Maizière die Hauptaufgabe in der Bekämpfung der Schlepperbanden und Menschenhändler. Das Problem: In Libyen, von wo die meisten Todeskähne derzeit starten, gibt es seit dem Sturz von Diktator Gaddafi keine staatlichen Strukturen - Soldaten, Milizen und Terroristen bekämpfen sich. In diesem Chaos sind Schlepper kaum zu fassen, wenn überhaupt, könnte man wohl nur militärisch gegen sie vorgehen. Zunächst müsste also das Land stabilisiert werden, davon aber ist man weit entfernt.

Derweil warten in Libyen, so rechnet es de Maizière am Montag dem Vernehmen nach im CDU-Bundesvorstand vor, bis zu eine Million Menschen auf ihre Chance, nach Europa überzusetzen.

Die Bundesregierung steht in der Flüchtlingsfrage auch innenpolitisch unter Druck. Viele von denen, die in Südeuropa landen, wollen später weiter nach Deutschland ziehen. Viele Kommunen sind aber schon jetzt mit steigenden Asylbewerberzahlen überfordert.

So gilt die Rettung in Not geratener Flüchtlinge zwar als humanitäres Gebot. Gleichzeitig will man vermeiden, dass sich noch mehr Menschen ermutigt fühlen, den gefährlichen Weg nach Europa anzutreten. Beides unter einen Hut zu bringen, sei schwierig, wird in der Regierung eingeräumt.
Schlepper sollen bekämpft werden, Menschen nicht nach Europa gelangen, Kommunen nicht weiter überfordert werden. Aber: Alles eben nicht so einfach. Willkommenskultur findet sich hier nur wirklich tief zwischen den Zeilen.

So geht es weiter mit den Beispielen. Die Vorfälle am Hauptbahnhof in Köln werden mit "Der Schock der Silvesternacht" überschrieben, auch nicht gerade der Ausweis wissenschaftlicher Neutralität frei von Emotionen und Wertungen. Kritische Kommentare und Gastbeiträge in großen Tageszeitungen widersprechen der These des Autors, diese seien aber nicht meinungsbildend und hätten "keine erkennbare Diskursfunktion" (S. 130f.). 

Im Fazit wird dann die nautische Rhetorik ausgereizt. Medien "überschwemmten" die Leserinnen und Leser mit Berichten, die "Nachrichtenwelle" drohte sie zu überrollen. Inhaltlich relevant ist das, weil das "nach Maßgabe des Theorems der „Themenverdrossenheit“ die Annahme zulässt, dass "sich Teile des Publikums überfordert fühlten und reagierten, indem sie den eigenen Vorurteilen folgten (stark selektive Wahrnehmung)." Das mag sicherlich zutreffend sein, allerdings besteht dieses Problem natürlich nicht nur im Themenfeld Migration/Asyl. Genauso wie folgender Punkt:
Diese Zusammensetzung des in den nachrichtlichen Berichten auftretenden Personals unterstreicht die ausgeprägte Dominanz der politischen Elite. Vermittels der Medien verhandelt sie die Themeninhalte und setzt die Agenda – und beherrscht auch die Konflikte.
Trifft sicherlich auch zu. Aber das ist natürlich ebenfalls kein neues, kein themenfeldspezifisches und kein unbekanntes (auch für Journalistinnen und Journalisten selbst) Problem.
Deshalb konnten zwei gegenläufige Trends nachgewiesen werden: Einerseits  stieg  der  Anteil  der  Bevölkerung,  der der Aussage „Man kann den Medien eher/voll und  ganz  vertrauen“  zustimmte,  von  29  Prozent (2008) auf 40 Prozent (Ende 2016). Andererseits  stieg  auch  der  Anteil  jener,  die  der  Aussage  zustimmten:  „Man kann den Medien eher nicht/überhaupt nicht vertrauen“ von 9 Prozent (2008) auf 24 Prozent. Das Auseinanderdriften und die Ausweitung der zwei gegensätzlichen Auffassungen lassen sich als Indikator für  die  fortschreitende Segmentierung der Gesellschaft, in unserem Zusammenhang: für den Bruch im gesellschaftlichen Diskurs, lesen. (S. 145)
Dieser Befund ist also auch mit anderen Studien gut belegt. Und er ist entscheidend dafür, dass dieser Untersuchung so viel Aufmerksamkeit zuteil wird. Sie ist auch ein Ausdruck der Hilflosigkeit. Da wäre es doch nett, wenn "die Medien" ihrer Aufgabe nicht gerecht werden und sich so die Spaltung erklären lässt. Diesen Anspruch erhebt der Autor nicht, aber es werden am Ende doch Medienanalyse und Einstellungen der Bevölkerung in einen Topf geworfen. 

Am Ende schließt sich die Frage an, woher die kritische Haltung der Menschen gegenüber der Zuwanderung kommt. Warum Menschen Asyl nicht als Grundrecht sehen und ertrinkende Menschen nicht als Argument für eine andere Politik. Die Berichterstattung mag nicht dazu beigetragen haben, diese Menschen zu erreichen. Jedoch liegen dahinter politische Fragen, z.B. von Verteilung und sozialer Gerechtigkeit

Die Lösung kann kaum darin liegen, dass von nun an besonders kritisch über geflüchtete Menschen berichtet wird und Offenheit und Vielfalt als negativ dargestellt bzw. solche Meinungen einen größeren Raum erhalten. Vielmehr könnte man medial den Zusammenhang herstellen zwischen Ursache und Wirkung und danach fragen: "Was treibt die Menschen eigentlich um?" 

Die Antwort ist eben nicht, dass zu viele Flüchtlinge Deutschland überschwemmen. Sondern, dass Menschen Angst haben ihre Zukunft nicht selbstbestimmt gestalten zu können. Hier ist die Politik in der Pflicht. Das entbindet jede und jeden Einzelne nicht davon die eigenen Einstellungen zu überprüfen und bei Gelegenheit mal einen Blick über den so oft bemühten Tellerrand zu wagen. Material in den Medien gibt es ja offenbar genug.

Donnerstag, 20. Juli 2017

Zerstörte Städte - Drohnenaufnahmen zeigen Folgen von Konflikten

Der Krieg ist in die Städte zurückgekehrt. Wurde Anfang und Mitte des vergangenen Jahrhunderts vor allem auf "freier Fläche" gekämpft (was nicht heißt, dass Städte keine Ziele z.B. von Luftschlägen, darstellten), sind heute urbane Gebiete auch am Boden hart umkämpft. 

Screenshot "I Saw My City Die"

Das Internationale Rote Kreuz sieht gegenwärtig die größten Gefahren für Zivilisten durch Kämpfe in und in der Umgebung von Städten (In dem Zusammenhang ist das eindrucksvolle Themenportal "I Saw My City Die" zu empfehlen, siehe hier). In Syrien und dem Irak wurden 70 Prozent der zivilen Opfer in urbanen Gebieten getötet. 
Nun mag man einwenden, dass dicht besiedelte Gebiete schon immer anfälliger waren für hohe Opferzahlen, allerdings zeigt die ICRC-Untersuchung, dass früher seltener in einer Stadt selbst gekämpft wurde und dass Waffen, die eigentlich für "offene Schlachten" entwickelt wurden, nun in engen Straßen und zwischen Häuserblocks eingesetzt werden.

Um einen Eindruck von den Folgen zu bekommen, liefern Drohnen eindrucksvolle und erschreckende Bilder. Sie können einen Beitrag leisten, um Krieg besser zu verstehen, auch wenn wir nicht "in seinem blutigen, abstossenden, schmutzigen Inneren sitzen."

Bilder aus Mossul (2017):



Bilder aus Aleppo (2016):



Bilder aus Donetsk (2015):


Bilder aus Gaza (2014):

Mittwoch, 19. Juli 2017

"Die lassen sich von euch abholen, mit dem Wassertaxi" - Was passiert wirklich auf dem Mittelmeer?

"Die lassen sich von euch abholen, mit dem Wassertaxi." - Solche und viele ähnliche Äußerungen finden sich unter Meldungen von Organisationen, die auf dem Mittelmeer versuchen, Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren. Die keinen Unterschied zwischen Geflüchteten und Migranten machen. Dafür ernten sie Ablehnung, Häme und Hass. Folgendes Video von "Ärzte ohne Grenzen" zeigt die belastende und schwierige Arbeit und die Realität zwischen Wellen und leckgeschlagenen Boten. Und wirft eine Frage auf, die sich jeder und jede stellen sollte: Was würde ich angesichts einer solchen Situation tun? Verlieren politische Debatten (die geführt werden dürfen und müssen, kaum jemand bestreitet das) nicht jegliche Bedeutung, angesichts hunderter oder tausender Menschen, die tagtäglich sterben oder nur knapp davor gerettet werden?