Sonntag, 30. April 2017

Nein, Europa wird nicht von Flüchtlingen überrannt

Unten gibt es das Video einer kurzen Reportage, die zum Nachdenken anregen kann. Anregen sollte. Vor allem diejenigen, die immer noch darauf bestehen, dass Deutschland die "Hauptlast" von Flüchtlingen trägt. Die glauben, dass die "Flüchtlingswelle" Europa überschwemmt. Denn das ist schlicht gelogen.

Vielleicht erreicht so ein Post auch ein paar, die noch offen für schlichtes aber entscheidendes Zahlenwerk sind. Denn von den insgesamt etwa 66 Millionen Vertriebenen weltweit, haben sechs Prozent Zuflucht in Europa gesucht. 6 Prozent; S e c h s % - falls jemand glaubt sich verlesen zu haben. Die Staaten, welche die meisten Menschen beherbergen sind u.a. die Türkei, Pakistan und Äthiopien.

Quelle: UNHCR

Solche Tatsachen laden dazu ein zu differenzieren. Kritisch zu bleiben und nach Ursachen und politischen Strategien zu fragen, ja. Aber sich nicht von bloßen Gefühlen leiten zu lassen, den eigenen Sorgen und Ängsten nachzugeben und in der Folge einen humanistischen Anspruch und Wertekanon aufzugeben und das Leid der betroffenen Menschen zu verdrängen.

Ein Beispiel sind Geflüchtete aus dem Südsudan. In Uganda haben 1,4 Millionen Menschen aus dem Land um Aufnahme gebeten. Im jüngsten Staat der Erde herrscht seit drei Jahren Krieg. Seit dem vergangenen Sommer haben die Kämpfe an Grausamkeit zugenommen. Die ARTE Info-Reportage zeigt, wie es Uganda gelingt, mit der großen Zahl von Vertriebenen fertig zu werden.

Dienstag, 25. April 2017

Gendern will gelernt sein...

Eigentlich sollte (und ist es mittlerweile auch zumeist) Standard, Stellen geschlechtsneutral bzw. gegendert auszuschreiben. Doch manchmal sieht man, dass sich bestimmte Rollenbilder hartnäckig halten und es den VerfasserInnen manchmal selbst nicht auffällt, dass sie festgefahrenen Geschlechtervorstellungen Vorschub leisten:

Ach ja, die männliche Form von Politesse ist übrigens Politeur.

Freitag, 21. April 2017

Nach dem Türkeireferendum: Die Suche nach Gründen

Die Debatte um den Ausgang des Referendums in der Türkei fokussiert sich meist auf die Person des türkischen Präsidenten, die Frage, wie die EU-Staaten damit umgehen sollten und ob das Ergebnis einen allgemeinen Trend hin zu autoritären Systemen widerspiegelt. Da die Gründe sehr vielschichtig sind, bleibt es hier meist bei recht einseitigen Analysen. Zwei Fundstücke aus dem Netz können zwar auch nicht alles erklären, fügen aber wichtige Aspekte in komprimierter Form hinzu.

Quelle: Via Diren Yardimli

Auch wenn der Ausgang des Referendums knapp war, die krassen Unterschiede zwischen Peripherie - Zentrum (und damit auch tendenziell zwischen Arm - Reich) haben ihren Teil zum Ergebnis beigetragen, wie die Grafik zeigt.

Und Serdar Somuncu macht in wenigen Sätzen klar, wie wichtig eine stringente und wertebasierte Außenpolitik ist und welche Rolle Identität und Entfremdung bei Menschen, die in Deutschland leben und für den AKP-Vorschlag gestimmt haben, spielt:


Freitag, 14. April 2017

Drohnenkrieg: "... und dann jagst Du ihn in die Luft."

"Du schwebst da einfach. Du wartest bis er raus geht, um Freunde zu treffen - und jagst ihn in die Luft."



Das Drohnenprogramm der USA ist insofern allgegenwärtig als dass alle Menschen wissen, dass es existiert. Doch kaum jemand nimmt wirklich wahr, was passiert (auch wenn es Versuche gibt das zu dokumentieren) und macht sich bewusst, dass die USA nicht der einzige Staat sind, der Drohnen militärisch nutzt. Im Gegenteil. Dennoch sind Ausmaß und Reichweite des US-Drohneneinsatzes (noch) beispiellos.

Der Dokumentarfilm National Bird begleitet Menschen, die entschlossen sind, das Schweigen über eine der umstrittensten militärischen Maßnahmen der jüngeren Zeit - den geheimen Drohnenkrieg der USA - zu brechen.

Donnerstag, 13. April 2017

Wir haben einen neuen Gesellschaftsvertrag unterschrieben - leider hat ihn niemand durchgelesen

Die ZEIT hat ein interessantes neues Buch des israelischen Historikers Yuval Noah Harari rezensiert, das sich mit den grundsätzlichen Fragen unseres Zusammenlebens in der modernen Welt beschäftigt. In "Homo Deus" entwirft Harari eine düstere Vision des Technologiezeitalters. Dabei kommt er auch darauf zu sprechen, unter welchen Rahmenbedingungen wir eigentlich zusammenleben. Oder vielmehr: Was hält uns zusammen? Welche stillschweigende Übereinkunft garantiert, dass bestimmte Normen und Werte als allgemeingültig anerkannt werden? Im Artikel heißt es:
Harari erzählt die Geschichte der Menschheit als eine Geschichte des zunehmenden Kontrollgewinns. Hunger, Dürren, Naturkatastrophen – globale Risiken seien heute beherrschbar geworden. Die Moderne sei wie eine "extrem komplizierte Übereinkunft", bei der kaum jemand versteht, was er eigentlich unterschrieben habe. "Es ist ein bisschen so, wie wenn man eine Software herunterlädt und gebeten wird, einen beigefügten Lizenzvertrag zu unterzeichnen, der aus Dutzenden von Seiten in schönstem Juristendeutsch besteht; man wirft einen kurzen Blick darauf, scrollt dann bis ans Ende des Dokuments, macht ein Häkchen bei "ich stimme zu" und hat das Ganze schon gleich wieder vergessen." 

Das heißt also, dass die Komplexität es gar nicht mehr zulässt, dass man sich auf so etwas wie einen Gesellschaftsvertrag einigt (auch wenn diese Einigung schon immer eine Abstrakte war). Man kennt dessen Inhalt nicht mehr, oder will ihn nicht kennen, weil man ihn nicht versteht. Dabei geht es auch darum, was denn die Werte und Normen des Gesellschaftsvertrages sein sollen.

Dinge wie Gerechtigkeit und Fairness sind schwer zu greifen, aber faktisch sehr unzureichend verwirklicht in unserer heutigen Welt. Bei den Ausführungen Hararis muss man dabei unwillkürlich an John Rawls und seine Gerechtigkeitstheorie denken. 

Dort führt Rawls einen "Schleier des Nichtwissens (veil of ignorance)" ein, der den Zustand der Menschen in einer fiktiven Entscheidungssituation bezeichnet, in dem sie zwar über die zukünftige Gesellschaftsordnung entscheiden können, aber selbst nicht wissen, an welcher Stelle dieser Ordnung sie sich später befinden werden. Schlicht heißt das: Werde ich zu den Gewinnern oder zu den Verlieren zählen? Setze ich darauf ein Gewinner zu sein?

Rawls geht dabei von einer Gleichheit aus, die zum Beispiel geistige, physische und soziale Eigenschaften wie Hautfarbe, Rasse, Geschlecht, Religionszugehörigkeit, Stellung innerhalb der Gesellschaft, sozialer Status und vieles mehr einschließt. Aber auch was Fragen der Vorstellung vom Guten angeht. Long story short, aus dieser abstrakten Gleichheit folgt für Rawls die Unparteilichkeit der Menschen und folgen Prinzipien einer Gerechtigkeitstheorie, die den Nutzen nicht einfach maximiert, sondern danach fragt, wer am meisten profitieren sollte, um Ungleichgewichte zu vermeiden oder abzumildern.

Bezieht man diesen Schleier des Nichtwissens auf die Befürchtungen Hararis, dann würde man danach fragen: Welche Gesellschaftsordnung würde hinsichtlich der Verständlichkeit und der Nachvollziehbarkeit entstehen?

Man könnte argumentieren, dass Algorithmen und Technologien nach dem Wunsch aller dort Grenzen gesetzt werden sollen, wo sie die menschliche Auffassungsgabe und die Möglichkeit der menschlichen Kontrolle überschreiten. Angesichts des heutigen Fortschritts muss dies bereits jetzt als naiv gelten. Als normative Handlungsanleitung zur Gestaltung einer Gesellschaftsordnung, die von Menschen für Menschen gemacht wird, hat sie aber eine dringliche und hochaktuelle Existenzberechtigung.

Für Harari ist es dafür schon zu spät, doch schlimmer kann es natürlich auch noch kommen:
Man kann sich wie Harari schon fragen, ob es in der Digitalmoderne oder dem Dataismus auch eine Übereinkunft zwischen Mensch und Maschine gibt oder ob wir nicht schon einen Unterwerfungsvertrag unterzeichnet haben, mit dem wir jegliche Mitbestimmungsrechte abgetreten haben. Die Teilnahme am Computernetzwerk wird zum Zwang. Am Ende könnte ein Punkt erreicht sein, an dem es unmöglich werde, sich vom Netzwerk abzukoppeln und ein neues Prekariat, die "Klasse der Nutzlosen" entstehe, die von der Technik abgehängt sind, schreibt der Historiker.  
Das Kleingedruckte zu lesen ist also wichtiger denn je und von der eigenen Person zu abstrahieren und zu fragen: "Wie sollte die Welt aussehen, damit alle Menschen nach "ihrem Glück" streben können?" wird immer dringlicher.

Sonntag, 2. April 2017

Wenn Reden keine Lösung ist

Eine Überzeugung ist ein Mix aus Sozialisation, aus aktueller Befindlichkeit und aus so einem irreduziblen Rest, einem theologischen oder einem metaphysischen Kern, da, wo aller Spaß aufhört, wo alle sofort elektrisiert sind und auch keinen Schritt zurückmachen können. Wir haben zivilisatorisch versucht, all diese Punkte weitgehend zu entschärfen. Das ist uns auch meistens geglückt und sind dann auch immer sehr erschrocken, wenn wir einen dieser Punkte wiederfinden.
Das sagt der Philosoph Martin Wolff in der Besprechung seines neuen Buchs "Ernst und Entscheidung: Eine Phänomenologie von Konflikten". Im Interview auf Deutschlandradio Kultur führt er aus, dass sich seiner Überzeugung nach nicht jeder Konflikt friedlich lösen lässt. Er sagt:
Mich hat es sehr geärgert, dass weitgehend alle Konflikttheorien oder alle Konfliktanalysen unterm Strich wunschgetrieben sind, sie sind hoffungsvolle Reden davon, wie es besser wäre, und sie unterstellen, dass Konflikte in der Regel Missverständnisse sind, und dann wird schon alles gut, wenn man sich nur gut genug versteht, wenn man nur gut genug miteinander redet. Viel tiefer, viel problematischer ist es doch, wenn Konflikte nicht das Ergebnis von Missverständnissen sind, sondern wenn Konflikte dann entstehen, gerade weil wir uns richtig verstanden haben, gerade weil ich die Überzeugung des anderen verstanden habe, ärgert sie mich so sehr, und weil er meine Überzeugung oder sie meine Überzeugung richtig verstanden hat. Deswegen sind wir doch im Streit, und dann führt mehr reden, mehr Verständnis auch zwingend zu mehr Konflikt. Dann hilft der Satz nicht, ihr müsst mal miteinander reden, und schon gar nicht der wirklich alberne Satz, redet doch mal vernünftig miteinander.
Es stellt sich aber die Frage nach dem Mobilisierungsvermögen eines Konflikts. Das ist sicherlich größer bei (Verteilungs-) Konflikten mit dem Charakter eines Nullsummenspiels. Also Situationen, in denen ein "Gut" in jedem Fall verletzt wird. Ein Beispiel dafür wären Schwangerschaftsabbrüche.

Bezieht man das Ganze aber nicht auf gesellschaftliche Auseinandersetzungen, sondern auf außenpolitische Konflikte, kann man die Frage stellen, ob wirtschaftliche Entwicklung im globalen Maßstab tatsächlich ein Nullsummenspiel sein muss und wer in diesem Verteilungskonflikt am meisten profitiert. Die Antworten liefen einen Hinweis darauf, wie man das Ausmaß von Konflikten zumindest begrenzen oder Neue verhindern kann. Denn es wird immer Akteure geben, mit denen kein lösungsorientierter Dialog möglich ist.

Aber deren Machtbasis und die Möglichkeit zum Austrag eines Konflikts hängt eben auch davon ab, wie sehr sie andere - letztlich außerhalb des konkreten Konflikts liegende - Faktoren zu ihren Gunsten nutzen können. Strukturelle Ungleichgewichte und inkonsistente Haltungen der anderen Seite tragen mit dazu bei.