Freitag, 30. September 2016

Der tägliche Überlebenskampf auf dem Mittelmeer in Bildern

Über Zahlen kann man sich streiten (10.000+ Tote in drei Jahren sind eine moderate Schätzung) - über diese Bilder kaum. Sky News hat die Helferinnen und Helfer von MOAS auf dem Mittelmeer begleitet. Herausgekommen ist diese Doku mit nicht ganz einfachen Bildern:

Donnerstag, 29. September 2016

Was Facebook über Dich weiß...

Maschinen nehmen uns mehr und mehr Entscheidungen ab bzw. beeinflussen diese massiv. Sei es die Temperatureinstellung zuhause, der kürzeste Weg von A nach B oder die Wahl, welche neuen Kopfhörer man sich zulegen soll. Deshalb wird es immer wichtiger, dass man die Algorithmen, auf denen diese Entscheidungen basieren (zumindest in Ansätzen) versteht.



ProPublica startet zu diesem Thema eine Webserie. Erste Folge: Profiling auf Facebook oder einfach "Breaking the Black Box - What Facebook Knows About You". Die nächste Folge gibt es am 05. Oktober.

Mittwoch, 21. September 2016

Konfliktbearbeitung: Risiko Unterfinanzierung

Die Tagesschau berichtete in den vergangenen Tagen von der humanitären Situation in der Region des Tschadsees, vor allem auf der nigerianischen Seite. 
Die Sicherheitslage erlaubt es immer noch nicht, Hilfskonvois, Ärzte und Helfer dorthin zu schicken. Was an Informationen verfügbar ist, stammt zu einem großen Teil aus Erzählungen der Vertriebenen. Sie berichten von Gewalt, von Mord, Vergewaltigung, Krankheit und vor allem von Hunger.
[...]
Die humanitäre Katastrophe ist keineswegs auf den Nordosten Nigerias beschränkt. Die Nachbarstaaten Niger, Kamerun und Tschad sind ebenso betroffen. Und die Krise ist auch nicht ausschließlich Folge des Terrorismus. Der Klimawandel lässt den Tschadsee austrocknen. Dadurch fehlt Wasser auf den einst fruchtbaren Feldern, die Nahrungsmittelproduktion reicht einfach nicht mehr aus.
Die ist mittlerweile so zäh und anhaltend, dass auf UN-Ebene Vertreterinnen und Vertreter vor den Folgen warnen. Für eine angemessene und zeitnahe Reaktion ist es jedoch schon zu spät:

Das Ganze wird aufgrund der weiterhin fehlenden Aufmerksamkeit und der damit verbundenen mangelnden Bereitstellung an Mitteln besonders dramatisch. Seit der Entführung der nigerianischen Schulmädchen (die Erste!) sind fast zweieinhalb Jahre vergangen, seitdem werden das Phänomen Boko Haram und die Folgen der Gewalt durch die Milizen und durch das Militär kaum mehr medial oder öffentlich widergespiegelt. Ein Blick auf die aktuellen Finanzierungsziele der UN-Agentur OCHA macht die Folgen deutlich:


Screenshots UN OCHA

Je nachdem, welche Zahlen man betrachtet, schwanken die zugesagten Mittel zwischen 22 (Humanitärer Reaktionsplan) und 54 (Gesamtfinanzierung) Prozent der tatsächlich benötigten Höhe. Egal was man betrachtet, es ist sicher keine auskömmliche Ausstattung um mehr als das Nötigste zu leisten. Das bringt sicherheitspolitische Gefahren mit sich. Hunderttausende Menschen leben nahezu isoliert, bewaffnete Gruppen können kaum gestört agieren. Solche unkontrollierten Rückzugsräume sind besonders in der Region des Tschadsees gefährlich, weil potentiell nicht nur Boko Haram, sondern auch andere militante Gruppen (aus dem Tschad oder Niger) diese nutzen könnten. Und auch in Sachen Fluchtursachen und Konfliktvermeidung wirft die aktuelle Situation kein gutes Licht auf die internationale Diplomatie. IP schrieb schon Anfang 2016:
Noch immer haben die Regierungen der Region keinerlei Strategie gegen die Ursachen der Radikalisierung. Nach Jahrzehnten politischer Korruption, schwelender Missstände und schlechter Grundversorgung haben sich viele Bürger enttäuscht von der Regierung abgewendet. Das rapide Bevölkerungswachstum und Umweltschäden verschlimmern die Lage noch, verstärken die bestehenden sozialen Spannungen und treiben viele Menschen in die Flucht.

Mittwoch, 14. September 2016

Die Selbsterfüllende Prophezeihung von 9/11

Unter der Überschrift "Die Wurzeln des Konflikts liegen im Wüstensand" hat sich der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler für die FAZ mit dem 11. September und dessen Nachwirkungen beschäftigt. Er kommt in seinem Artikel zum Schluss, dass das symbolische Datum des 9/11 überbewertet werde und die Wurzeln der heutigen Situation woanders zu suchen seien. Mit einigen seiner Thesen will ich mich an dieser Stelle kurz auseinandersetzen. Zunächst das Fazit Münklers:

"Das Ende des Ost-West-Konflikts hat die Bündnisoptionen vieler Länder explosionsartig vermehrt, und einige haben die ihnen daraus erwachsenen – vermeintlichen – Vorteile zu nutzen versucht. Daran haben die Anschläge vom 11. September nichts geändert. Insofern sind ihre längerfristigen Auswirkungen begrenzt. Der Fall der Berliner Mauer und nicht die Anschläge vom 11. September war die große weltpolitische Zäsur. Die Anschläge von New York und Washington haben die Angst der Menschen im reichen Norden vor terroristischen Attacken deutlich erhöht, sie haben leichtfertige Reaktionen der westlichen Politik provoziert und die Probleme der arabischen Welt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt; zu einer weltpolitischen Zäsur sind sie deswegen nicht geworden."



Was bedeutet das also? Für Münkler liegen die Konflikte, die wir vor allem im Nahen und Mittleren Osten beobachten können, in der Auflösung der Machtstrukturen des Kalten Krieges begründet. Die Folgen sehen wir heute in asymmetrischen Konflikten, der hohen Zahl von Terroranschlägen und der Auflösung der Staatlichkeit.

Münkler streitet die Auswirkungen von 9/11 gar nicht ab, er sieht nur die Situation der Staaten in der Region dadurch nicht wirklich beeinflusst. Es ist auf der einen Seite nicht hoch genug zu schätzen, dass er damit der teils hysterischen Aufregung um und Fixierung auf ein Datum entgegentritt. Komplexe Zusammenhänge wie die der Internationalen Beziehungen lassen sich nicht allein auf einige Stunden an einem Dienstagvormittag reduzieren. 

Auf der anderen Seite blendet Münkler zu viel aus, wenn er bloß auf Makrostrukturen abstellt, die sich im geopolitischen Rahmen verorten lassen. Er hat recht, wenn er schreibt: "Die Probleme der arabischen Welt wären im Kern dieselben, und man kann davon ausgehen, dass sie sich auf andere Weise Gehör verschafft hätten." Er hat aber unrecht, wenn er damit meint, dass die Art und Weise des Umgangs mit ihnen sich nach dem 11. September nicht grundlegend verändert habe. 

Dabei lassen sich doch einige Argumente formulieren, die nahe legen das Datum und dessen Folgen eben doch als Zeitenwende zu behandeln.

Die Zäsur nach dem Ende des Ost-West-Konflikts mag eine machtstrukturelle Umwälzung gewesen sein, die nach 9/11 jedoch eine... Ja, was für eine? Diese Frage lässt sich nicht so leicht beantworten, strahlen die Auswirkungen der Anschläge doch auf unser gesamtes Gesellschaftssystem mit all seinen Subsystemen "Wirtschaft", "Politik" usw. aus. Nur wer Machtstrukturen zwischen Staaten als alles determinierenden Faktor setzt (was problematisch ist), darf diese Annahmen gleichsetzen. 

Dies erscheint aber wenig sinnvoll, bedenkt man die vielen Teilbereiche unseres Lebens, die mindestens mittelbar durch die Reaktion auf den 11. September verändert wurden.

Gebrauch und Formen militärischer Mittel

Ob Folter, der Einsatz von Drohnen oder die Ausweitung ständiger und systematischer Operationen abseits der Öffentlichkeit. Nach dem 11. September hat sich das Selbstverständnis militärischen Handelns verändert. Eben nicht nur, weil der sichtbare und alles überlagernde EINE Feind wegfiel, sondern weil nach 9/11 plötzlich überall Feinde auftauchten bzw. gesehen wurden, die vorher nicht systematisch bekämpft (im Gegenteil) wurden.

Die Asymmetrie der Kriegsführung ist nicht nur der Existenz zersplitterter, teilweise autonom agierender Terrorgruppen und dem Staatszerfall nach 1990 geschuldet, sondern dem Narrativ, dass DER Terrorismus ein Feind ist, den es zu besiegen gilt (und der besiegt werden kann). Zwar spricht man heute nicht mehr vom war on terror, doch nach jedem Anschlag wird der allgemeine und anhaltende Kriegszustand betont.

Im Unterschied zum Kalten Krieg erfordert er nicht nur die ständige Bereitschaft zum Handeln, sondern die tatsächliche Aktion. Mit vernetzter, autonomer und jederzeit verfügbarer Kriegsführung, z.B. in Form von Drohnen, ist dieser Anspruch Wirklichkeit geworden. Die Revolution in Military Affairs ist keine Folge von 9/11. Deren selbstverständlicher Einsatz schon.

Symbol und Rechtfertigungsrahmen

Das stets präsente Narrativ des 11. September mag zu weich sein, um im Rahmen der Internationalen Beziehungen bzw. in Großtheorien Platz zu finden. Aber für eine Zäsur durch 9/11 spricht, dass nicht nur in den USA, sondern weltweit, militärisches bzw. allgemein sicherheitspolitisches Handeln mit diesem Datum gerechtfertigt wird. Dabei ist es nicht von Belang, ob der diskutierte Inhalt tatsächlich mit den Anschlägen von New York in Verbindung steht (oder überhaupt mit Terrorismus). Terrorangst wird genutzt, um Politik zu machen und sie kann derzeit problemlos mit aktuellen Attacken hinterlegt werden. Doch genügt das nicht, so lassen sich Bilder der explodierenden Flugzeuge jederzeit wieder für die eigene Argumentation nutzen. Es mag paradox erscheinen - handelt es sich nach dieser Lesart um eine Art selbstgemachte Zäsur. 

Münkler sieht dies auch, wenn er schreibt: "Terroranschläge sind allenfalls metaphorisch eine Kriegserklärung, und man sollte politische Metaphorik und operatives Handeln nicht miteinander verwechseln oder gar vermischen. Das aber ist bis heute immer wieder der Fall, und jüngst erst ist der französische Präsident Hollande in diese Falle gegangen."

Kein Ende der Geschichte, da sind sich alle einig

"Die Kriege im Vorderen Orient, die uns zurzeit beschäftigen, der Syrienkrieg und der Jemenkrieg um nur die wichtigsten zu nennen, sind nicht zuletzt innerislamische Auseinandersetzungen, und zugleich sind es Hegemonialkonflikte in der arabischen Welt, die in Form von Stellvertreterkriegen ausgetragen werden", so Münkler weiter. 

Hier kann man sich nicht ganz sicher sein, woher Münkler diese Überzeugung nimmt. Die regionalen Folgen der Irak-Intervention und das Eingreifen in Afghanistan sollten nicht als alleiniger Erklärungsfaktor herhalten. Sie aber als so marginal zu betrachten, dass es letztlich auf "innerislamische" Auseinandersetzungen hinausläuft, ist hochproblematisch.

Vor allem stellt sich die Frage, ob auch ohne den 11. September das Machtvakuum so massiv und effektiv hätte ausgenutzt werden können. Der Aufstieg und die Vermehrung extremistischer Gruppierungen, die sich in der Tradition des Jihad sehen, wäre ohne 9/11 nicht möglich gewesen. Sie benötigten den Nährboden der folgenden militärischen Operationen und die Symbolik, um in solcher Zahl und Stärke eine ganze Region mitzugestalten. 

Die Mär vom religiösen Krieg

Münkler setzt sich auch mit den beiden populärsten Theoretikern der damaligen Zeit - Fukuyama und Huntington  - auseinander. Fukuyama´s Ende der Geschichte fiel aus, Huntington übernahm. Sein Krieg der Kulturen wurde politisches Leitbild bei manchen, auch wenn Münkler darauf hinweist, dass dieser die "innere Kohärenz" überschätzt habe. Damit meint er, dass sich Muslime eben nicht unter einem gemeinsamen Banner vereinten und gegen "den Westen" in den Krieg zogen, sondern sich untereinander bekriegen. Aber eben auch "uns". Für Münkler ist das ein Hinweis darauf, wie es um die islamische Welt bestellt ist: "Das Hauptproblem dieses Raumes, die Selbstblockade der arabisch-islamischen Welt, hätte es auch dann gegeben, und ebenso hätte es die verzweifelte Suche nach Auswegen aus dieser Selbstblockade gegeben, deren Produkt im weiteren Sinn auch Al Qaida war und immer noch ist."

Die "Selbstblockade", die Münkler beschreibt, darf aber nicht losgelöst von der kolonialen Geschichte erwähnt werden. Man muss nicht bei jeder Gelegenheit das Sykes-Picot-Abkommen hervorkramen. Allerdings ist es genauso falsch die innere Verfasstheit muslimisch dominierter Staaten als Naturgesetz, als unmittelbare Folge des religiösen Glaubens, oder Eigenschaft eines Kulturkreises zu beschreiben. 

Überzeugende Beweise werden sich dafür nicht finden lassen. Vor allem wenn soziale und politische Erklärungsmuster dafür viel besser geeignet sind. Hier zeigt sich polemisch gesagt eine gewisse Schizophrenie, zumindest aber eine methodische Unschärfe, wenn einerseits machtgetrieben Makrostrukturen als dominant angesehen, im Einzelfall aber kulturelle Erklärungsmuster herangezogen werden. 

Auch hier dient 9/11 als rhetorischer Bezugspunkt, der völlig unabhängig vom Fall der Mauer steht. Aktuelles Beispiel: Die Verhaftung der mutmaßlichen "Terrorzelle" in Norddeutschland. Innenminister Thomas de Maizière ging unter anderem auf die Art der Bedrohung ein: "Die Verbindungen der Verhafteten zu den Paris-Attentätern zeige: Es gehe hier nicht nur um eine Bedrohung für ein Land - der Westen sei insgesamt im Fokus. Daher sei es auch wichtig, dass der Westen gemeinsam handle, um weitere Bedrohungen abzuwenden." 

15 Jahre nach dem 11. September ist also "der Westen" ein Block, wie er es auch im Kalten Krieg war. Nur ist der Gegner nicht mehr "der Osten", sondern "der Terrorismus" (aka in Wahrnehmung vieler "der Islam"). Insofern ist es doch eine Zeitenwende, wenn ein neuer Feind auf dem Parkett der Internationalen Beziehungen auftaucht und als Dreh- und Angelpunkt bzw. Bezugspunkt für das eigene Handeln dient.

Überschätzt oder unterschätzt?

Münkler ist nicht vorzuwerfen, dass er bewusst Fakten weglässt. Er setzt sich eben mit einem Ausschnitt auseinander. So sieht er ein "einschneidendes Ereignis", aber eben keine "Zeitenwende". Doch legt man den Betrachtungsgegenstand etwas weiter aus, so zeigen sich doch viele Indizien für selbige.

Ein paar Argumente stehen weiter oben, andere fehlen noch. Fragt man nach den mittelbaren Folgen für uns als Gesellschaft, dann stehen dort Überwachungsmaßnahmen und der kaum mehr hinterfragte Konsens der ständig bedrohten inneren Sicherheit.

Allein die massenhafte Erfassung und Speicherung von Daten der Bürgerinnen und Bürger im internationalen Kontext, lässt sich unmittelbar mit den Anschlägen des 11. September in Verbindung bringen. Sie haben die Arbeit von Nachrichtendiensten und Sicherheitsbehörden und vor allem deren Wahrnehmung verändert. Die Folge ist, dass die Privatssphäre zum Relikt der Vergangenheit werden könnte und die massenhafte Überwachung zum Normalfall. Ohne 9/11 lässt sich solch eine Entwicklung nicht ohne weiteres vorstellen.

Selbsterfüllende Prophezeihung

Vielleicht handelt es sich auch um reine Wortklauberei. Was ist genau eine Zäsur im globalen Kontext? Münkler mag wie gesagt recht haben, wenn er heutige Konfliktstrukturen überzeugend mit dem Ende des Kalten Krieges erklärt. Doch so wertvoll es ist, nicht der angeblichen Terrorgefahr angsterfüllt zu erliegen und den Untergang herbeizureden, so gefährlich ist es, die Auswirkungen des 11. Septembers als zu vernachlässigende Einflussgröße zu beschreiben.

Vielleicht ist 9/11 nach seiner Betrachtung nicht dazu geeignet, als Wendepunkt zu dienen. Doch als eine Art selffulfilling prophecy, begleiten uns deren Folgen heute auf Schritt und Tritt sichtbar und unsichtbar durch unseren Alltag. Sie haben ihn vielleicht massiver verändert, als es die ständige nukleare Alarmbereitschaft und Untergangsrhetorik jemals konnten.

Mit ein wenig Idealismus könnte man Münklers Text zur Grundlage nehmen, um das Rad zurückzudrehen und die nur scheinbar notwendigen und unabwendbaren Konsequenzen aus der Attacke auf den Prüfstand zu stellen. Doch das erscheint angesichts der Reichweite und der Dynamik naiv, denn: 

Die Zeiten haben sich geändert.

Freitag, 9. September 2016

Blutige Proteste in Äthiopien gehen weiter (oder haben nie aufgehört)

Zur Zeit erschüttern (mal wieder) schwere Unruhen Äthiopien. Grenzregionen, die nach Abspaltung streben, Oppositionsgruppen, die im drückenden politischen Klima marginalisiert werden und sich verfolgt fühlen. Anfang der Woche wurden bei einem Feuer mehr als 20 Menschen in einer Haftanstalt getötet. Die mehrheitlich politischen Gefangenen erstickten.

Das afrikanische Land ist schon seit Ende des vergangenen Jahres Schauplatz massiver regierungskritischer Proteste. Sie begannen im November 2015 in der Region Oromia und weiteten sich nun in den vergangenen Wochen und Monaten auf die Region Amhara aus. Die Proteste werden immer wieder von Sicherheitskräften niedergeschlagen. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen wurden bei den Protesten seit Ende 2015 hunderte Menschen getötet.

Auch wirtschaftlich fühlen sich weite Teile der Bevölkerung an den rand gedrängt. Aus Protest brannten nun "Blumenbeete", denn Äthiopien ist einer der wichtigsten Blumenzüchter der Welt:
"[...] die Großgärtnereien sind nicht zufällig ins Visier der Oppositionellen geraten. Die ausländischen Investoren können nämlich auf die großzügige Hilfe der Regierung in Addis Abeba bauen, die scheinbar auch vor Zwangsumsiedlung nicht zurückschreckt, um Platz für die immer größer werdenden Beete und Gewächshäuser zu schaffen, wie Menschenrechtler heftig kritisieren."
Das ist alles nicht neu, aber dennoch kaum auf dem Schirm der europäischen Politik. Das liegt sicherlich daran, dass das schwierige regionale Umfeld mit Eritrea, Somalia oder den beiden Sudans es charmant erscheinen lässt, wenigstens einen Stabilitätsanker zu haben. 

Wenn hier Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zum Teil nur auf dem Papier existieren, dann wird das hingenommen und kann - relativ gesehen - zu einem gewissen Grad auch noch als Lern- und Entwicklungsprozess angesehen werden. Doch man darf nicht vergessen: In Teilen des Landes herrscht Krieg.

Einen ausführlichen und guten Übersichtstext hat FAZ-Korrespondent Thomas Scheen Anfang September verfasst:
Die äthiopischen Dienste gelten als ausgesprochen fähig. Sie vermögen es seit vielen Jahren, das Land vor Anschlägen der radikalen Islamisten aus Somalia zu bewahren, obwohl die äthiopische Armee die Bärtigen in Somalia bekämpft. Und sie haben die zeitweise 28 verschiedenen Rebellengruppen im eigenen Land mehr oder weniger neutralisiert. Mit der gleichen Effizienz und Brutalität gehen die Dienste jetzt gegen die eigene Bevölkerung vor, weil die den alleinigen Machtanspruch der EPRDF in Frage stellt.

Das Werkzeug dazu wird als „one in five“ bezeichnet und beschreibt einen Zählrhythmus: In jedem fünften äthiopischen Haushalt lebt einer, der die vier anderen Haushalte überwacht und jedes verdächtige Gemurmel unverzüglich nach oben meldet.
Die Opposition versucht sich unter "einem Banner" zu versammeln. Ob ein Bündnis tatsächlich gelingt, bleibt offen. Es steht aber zu befürchten, dass die legitimen Forderungen nach Mitspracherecht und Teilhabe zur Destabilisierung des Landes beitragen, dessen Umgebung von asymmetrischen Konflikten geprägt ist. Dass dies jedoch zu einem Umdenken des Regimes führt, bleibt vermutlich ein frommer Wunsch.

Montag, 5. September 2016

Kriegerischer Frieden

Unter dem Titel "Frieden ist schlecht" versucht der Politikwissenschaftler Stephen M. Walt im IPG Journal aufzuzeigen, dass die Sehnsucht nach Frieden reichlich naiv daher kommt. Dazu führt er Argumente ins Feld, die aus seiner Sicht der Beweis dafür sind, dass Menschen so richtig friedlich einfach nicht miteinander zurechtkommen. Gesellschaften bzw. Gemeinschaften bräuchten einen Feind, sonst entsteht Unruhe im Inneren, die erzeugt Konflikt, der dringt dann nach Außen, greift auf andere über und verursacht neue Konflikte. Die müssen mühsam befriedet werden und nach einer gewissen Friedenszeit, in der die Menschen der Dividende überdrüssig werden oder Verteilungskonflikte entstehen, geht das Ganze von Neuem los. So ungefähr lautet die These. Walt schreibt: 
Doch die naheliegende Lösung – die Suche nach einem äußeren Feind, gegen den man gemeinsam kämpfen kann – ist auch nicht gerade verlockend. So könnte am Ende leider ein wiederkehrender Kreislauf aus Konflikten stehen, in dem aus einer Friedensphase jeweils ein neuer Quell für Spannung und Spaltung entspringt. Man könnte wohl sagen, dass mich nicht zuletzt diese beunruhigenden Aussichten zu einem Realisten machen.
Die Gedanken Walts sind interessant und regen zum Nachdenken an. Aber einige Argumente sind eben nur zum Teil nachvollziehbar. So schreibt er z.B., dass bei "einer eher entspannten externen Sicherheitslage die Lebensfähigkeit multiethnischer Staaten" sinke. Später schreibt er: "Wie wir derzeit im Nahen Osten und Nordafrika sehen, hat der Zusammenbruch von Einheit und staatlicher Gewalt oft gewalttätige innere Konflikte zur Folge, in die dann auch wieder Kräfte von außen verwickelt werden."

Quelle: Pixabay


Dieser Zusammenhang ist nur schwer nachzuvollziehen. Sicher, Machtvakuum und Ressourcenkämpfe erzeugen Konflikte. Doch die kommen ja nicht aus dem Nichts. Selbst wenn die These ("Äußerer Frieden schafft innere Konflikte") stimmt, so stellt sich doch die Frage, ob Nordafrika und der Nahe Osten geeignet sind, diese zu untermauern. Die inneren Konflikte dort resultieren sicherlich nicht aus einer anhaltenden Friedenszeit oder dem Fehlen außenpolitischer Spannungen oder Interventionen. Im Gegenteil. 

So sind die Gedanken Walts klug, aber nicht überzeugend genug, um daraus eine solch provokante These zu deichseln, die am Schluss nahe legt, zwischenstaatliche Kriege seien unvermeidlich und letztlich gar nicht so schlimm, erhalten sie doch den Frieden in einem bestimmten Gebiet.

Man nennt eine solche Haltung gerne Realismus, so bezeichnet sich ja auch Walt. Doch muss man sich vor Augen führen, dass dieser sogenannte Realismus ja doch nur wiedergibt, was er sieht und was er versteht. Realität ist aber überkomplex und in allen Facetten eben nicht nachzuvollziehen. Bei der Haltung des Realismus wird jedoch alles andere zur Utopie. 

Gerade bei Fragen von Krieg und Frieden sind anhaltender Konflikt, die Dominanz militärischer Lösungen und immer neue Formen der Gewalt aber kein Beweis für deren Unvermeidlichkeit. Denn es lassen sich soziale und wirtschaftliche Muster aufzeigen, die Konflikte bedingen. Muster, die an sich bearbeitet und verändert werden können. Wer daran nicht mehr glaubt, der kann es sonst gleich mit einer Zeile aus dem deutschsprachigen Rap halten:

"Ist schon schlecht, geht bestimmt noch schlechter. Ist schon wirklich wack, aber geht bestimmt noch wacker."