Freitag, 22. September 2017

Drone bomb me - Drohnenangriffe sind Teil unseres Alltags geworden (auch wenn wir sie nicht beachten)



Afghanistan - 21.09.2017: Mindestens 18 Menschen bei zwei Angriffen auf IS-Kämpfer in Kunar getötet.

Pakistan - 15.09.2017: Mindestens drei mutmaßliche militante Kämpfer in der Kurram Agency getötet. 

Jemen - 15.09.2017: Drei mutmaßliche Al-Qaida Kämpfer bei Angriff in Mudiyah.

Somalia - 13.09.2017: 6 Tote bei drei Drohnenschlägen auf Al-Shabaab.

Dies als kleiner Auszug, der deutlich macht, dass nahezu jede Woche Drohnen irgendwo auf der Welt bewaffnete Angriffe ausführen und normaler Teil der Kriegsführung bzw. der Terrorismusbekämpfung geworden sind. Sie ermöglichen ein offensives Vorgehen, das so lautlos, so unbeachtet und so selbstverständlich vor einigen Jahren noch kaum möglich schien.

Quelle: The Bureau of Investigative Journalism
Nach unvollständigen und zu niedrigen, aber belastbaren Mindestzahlen, wurden mit Hilfe von Drohnen mindestens 4.399 Angriffe ausgeführt, bei denen zwischen 6.791 und 9.870 Menschen getötet wurden. Darunter zwischen 753 und 1.487 Zivilisten, davon 262 bis 331 Kinder.

Das bedeutet, dass der Anteil an zivilen Opfern mindestens acht Prozent beträgt, aber auch bei mehr als 15 Prozent liegen könnte.

Gesamte Übersicht: https://www.thebureauinvestigates.com/projects/drone-war

Alternative Medien: Unterhaltung statt Information

"It looks as if Germany - which is associated with boringly sensible politics - is beginning to develop the same kind of anti-establishment online eco-system that helped bring about an astonishing political outcome in the US."

Auch fremdsprachige Medien beschäftigen sich im Vorfeld der Bundestagswahlen eingehender mit deutscher Politik. Unter anderem ein interessanter Artikel des The Bureau of Investigative Journalism, das sich mit "alternativen Medien" und deren Einflussmöglichkeiten auseinandersetzt. Von Breitbart-Zuständen (83 Millionen Besuche im August) sei man auf deutschen Seiten noch weit entfernt (PI-News hat ca. 5 Millionen), aber gerade bei der Themenauswahl seien eindeutige Parallelen zu erkennen. So kommen auch ausländische Beobachter zum Schluss, dass in Deutschland Rechtsaußen ein eigenständiges "selbstreferenzielles Ökosystem" entstanden ist, das weiter wächst. 

Nafri - Teil der deutschen Umgangssprache

Der Artikel macht auch deutlich, dass sich durch das laute und offensive Gebaren der ja doch angeblich von der political correctness eingesperrten und stets vom Sprechverbot bedrohten Menschen, das Bild auf den Deutschland wandelt. So heißt es über einen Beitrag auf einer deutschen Seite: ""39 year old woman brutally raped on the way to work by a Nafri", the latter being German slang for a North African." So ist der "Nafri" durch den häufigen und selbstverständlichen Gebrauch für Journalisten schon zum German slang, also zur Umgangssprache, geworden, dabei bleibt es einfach nur ein (böswillig) falsch gebrauchter, irreführender und rassistischer Ausdruck. 

Auch international rückt man am reaktionären Rand zusammen. So erzählt der Gründer von "Pro Deutschland", Manfred Rouhs, er habe eine Menge von einem britischen Kommunikationsberater gelernt. Darunter auch: "If we’re not more credible than the mainstream media we will still be consumed, but more as entertainment." Eine Tendenz, von der sich wohl niemand ganz freimachen kann, die jedoch bedenkliche Schlüsse nahe legt. Denn wer trotz besserem Wissens Falschmeldungen über marodierende Flüchtlingshorden, mit Missionierungseifer beseelte und/oder Sprenggürtel versehende Muslimfluten oder fremdgesteuerte Geschäftsführer der BRD-GmbH konsumieren mag, der hat sich in seinem isolationistischen Weltbild ganz behaglich eingerichtet. 

"Deep distrust of the government" 

Als zutiefst misstrauisch gegenüber der Regierung, so werden die Menschen, die "alternative Nachrichten" konsumieren, beschrieben. Dem nachzugehen, aber nicht nachzugeben (angesichts der Tatsache, dass zu viele Menschen, die weder sozial abgehängt sind, noch am Rand der Gesellschaft stehen oder persönlich betroffen von den mit Leidenschaft vertretenen Themen sind, solche Ansichten vertreten), dies ernst zu nehmen, ohne es sich zu eigen zu machen, daraus relevante Forderungen an die Politik abzuleiten, ohne die Agenda durch laute Minderheiten bestimmen zu lassen - das wird offenbar die künftige Herausforderung für Politik und Gesellschaft sein.

Freitag, 25. August 2017

Amazon lernt Dich bald noch besser kennen

Die schöne neue Welt ist nah. Und kommt wieder ein Stück näher. Mit der neuesten Patentanmeldung von Amazon.

Die Lieferdrohne mit Kamera gibt nicht nur das Päckchen ab, sondern checkt auch gleich mal das Dach und den Vorgarten. Und alles andere eben. Ziegel wackeln oder sitzen nicht mehr akkurat? Bäume sind braun und ungepflegt?


Quelle: United States Patent and Trademark Office

Amazon empfiehlt (automatisch - aber klar alles natürlich nur per Opt-in) die "passende" Gärtnerei oder die Dachdecker. Oder bietet den entsprechenden Dünger an. Besser geht es doch nicht. Ach doch. 

Quelle: United States Patent and Trademark Office

Die Drohne rät vielleicht nach einem Besuch zu einem (nicht ganz billigen und eher unfreiwilligen) privaten Krankenkassenwechsel, weil die Sportgeräte in der Garage verstauben und schickt den Vertreter der Amazoneigenen Autoversicherung vorbei, weil das Fahrzeug eine Macke aufweist ("Die war doch bei der letzten Lieferung noch nicht da?!") oder die Glastonne einen alkoholischen Konsum offenbart (bzw. suggeriert), der in der Beitrittserklärung gar nicht erwähnt wurde. Oder schickt Werbung für die Partnerschaftsvermittlung, weil der Audiostream gewisse Spannungen in der Beziehungen nahe legt.

Hach. Schön.

Russland testet mehr als 600 Waffensysteme in Syrien

Konflikte sind aus Sicht militärischer Akteure immer auch Gelegenheiten. Die Gelegenheit Stärke zu demonstrieren, Abläufe zu verbessern oder Schwachstellen zu identifizieren - eben Dinge "auszuprobieren". Genau das tut offenbar Russland in Syrien. 

Der russische Verteidigungsminister sagte gestern der Agentur Interfax, dass man mehr als 600 Waffensysteme im Syrien-Krieg getestet habe.


"Praktisch alle neuen Entwicklungen wurden zum Kriegsschauplatz in Syrien geliefert, um uns die Gelegenheit zu geben sie unter realen Bedingungen zu analysieren und zu sehen, wie sich die Waffen verhalten." Einige Waffensysteme bzw. deren Entwicklung habe man aufgegeben, da sie nicht den gestellten Anforderungen entsprochen hätten, sagte er weiter.

Die Aussage ist nicht völlig überraschend, ist es eben wie oben geschrieben ein offenes Geheimnis, dass Militärs Konflikte zum "Testen" nutzen. Vor allem wenn z.B. der Luftraum oder andere Bereiche vollständig unter Kontrolle sind, so dass gefahrlos noch nicht final entwickelte Systeme zum Einsatz kommen können. Russland hat die Waffentests für Syrien auch bereits bestätigt, die Zahl der Systeme war jedoch bisher als weitaus geringer angegeben worden. 

Russland ist damit naturgemäß nicht alleine. Großbritannien testete Bomben im Irak in den 1920er-Jahren, Italien Anfang des vergangenen Jahrhunderts in Libyen Granaten und die USA feuerten im zweiten Golfkrieg insgesamt 320 Tonnen neu entwickelter panzerbrechender Uranmunition (mit einer Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren, was bedeutet, dass die Radioaktivität zwar gering aber langanhaltend wirksam ist. Neben dem militärisch erwünschten zerstörenden Effekt entfaltet das Uran aber eben wegen seiner Radioaktivität als auch wegen seiner chemischen Giftigkeit eine schädliche Wirkung auf den menschlichen Organismus). Ob der Einsatz militärisch notwendig darf bezweifelt werden, schließlich errangen die USA einen schnellen und umfassenden Sieg.

Aktuellstes Beispiel ist der Einsatz der "Mutter aller Bomben". Die GBU-43/B Massive Ordnance Air Blast (MOAB, zu deutsch etwa: Mächtige Luft-Explosions-Waffe) ist die sprengkraftstärkste konventionelle Fliegerbombe im Arsenal der US-Streitkräfte. Der erste Gefechtseinsatz erfolgte am 13. April 2017 in Afghanistan. 92 IS-Kämpfer wurden offiziellen Angaben zufolge getötet. Vor Ort wurde die Wirkung bzw. die Sinnhaftigkeit von Gruppengröße/militärischer Bedrohung und die Auswahl der Waffe bezweifelt.

Dienstag, 22. August 2017

Nazis vs. ISIS

Die sozialen Medien sind nach Ansicht vieler Beobachterinnen und Beobachter ein wichtiges Schlachtfeld im Kampf von und gegen Extremisten. Über die genauen Zusammenhänge und Wirkungen kann man streiten, nicht aber über den Bedeutungszuwachs. 

Nazis vs. ISIS - was klingt wie die Fortsetzung von Iron Sky oder Alien vs. Predator, ist Gegenstand einer Studie der George Washington University über Extremismus auf Twitter. Der vollständige Titel lautet dann auch: Nazis vs. ISIS on Twitter - A Comparative Study of White Nationalist and ISIS Online Social Media Networks.


Ein Faktor, der soziale Medien für Extremisten interessant macht, ist die Möglichkeit der Vernetzung. So kann nicht nur die eigene Botschaft öffentlich verbreitet, sondern die eigene Weltanschauung gestärkt und mobilisiert werden. Die Grafik zeigt die Vernetzung unter 4.000 bekannten Twitteraccounts von white nationalists. Quelle: Berger 2016: 2.
Die Studie vom September 2016 (aktuelle Erkenntnisse stützen die Ergebnisse) kommt zum Schluss, dass Akteure der white nationalist-Bewegung innerhalb von fünf Jahren etwa 22.000 Follower gewinnen konnten. Das entspricht einer Zunahme um etwa 600 Prozent seit 2012. Neben der Rezeption von Nachrichten und der Vernetzung untereinander, entstanden auch sog. organized trolling communities, die versuchen mit massiver Präsenz und polemischer, plakativer oder hetzender Wortwahl Meinungen zu beeinflussen, bzw. die öffentliche Debatte zu prägen. 

Vergleicht man die Accounts von white nationalists und denen, die mit ISIS sympathisieren oder aktiv unterstützen, so zeigt sich, dass in nahezu allen Kategorien (Followerzahl, Reichweite,...) rechtsextremistische Meinungen eine höhere Sichtbarkeit haben. Dies liegt aber nicht nur an unterschiedlichen Unterstützerzahlen oder Unterscheiden beim Nutzerverhalten, sondern auch an der Tatsache, dass Twitter (aber auch Facebook u.a.) konsequenter gegen ISIS-Propaganda als gegen andere Hate Speech vorgehen. Zudem ließe sich natürlich auch der Untersuchungsgegenstand über ISIS hinaus auf andere radikalislamistische Inhalte erweitern (auch wenn ISIS hier dennoch stark dominiert), was die Zahl ebenfalls erhöhen würde.

Über was wird "diskutiert"?

Das populärste Thema der Rechtsextremisten ist das Konzept des "white genocide". Dieser wird zum Beispiel in Südafrika immer wieder heraufbeschworen, in jüngerer Vergangenheit wurde die Netflix-Serie Dear White People dazu auserkoren als angebliches Beispiel zur Verherrlichung des "weißen Genozids" zu dienen, u.a. eben auch auf Twitter. Hier wird tagtäglich die Bedrohung der weißen Rasse in hunderten Tweets propagiert. 

Politisch gesehen besteht laut der Studie eine recht enge Verbindung zur Agenda Donald Trumps. Zumindest legen die Hashtags nahe, dass die Aussagen des damaligen Präsidentschaftskandidaten die beste Mischung aus Reichweitenerzielung und inhaltlichen Überzeugungen funktionierte. 

Wie die meisten aktivistischen Gruppen nutzen auch white nationalists populäre Hashtags, um die Reichweite zu erhöhen. Quelle: Berger 2016: 10

Beachten muss man bei allen extremistischen Gruppen, dass zumeist eine kleine, aber hochaktive Zahl von Personen die Debatten prägt. Werden einzelne Tweets von Medien aufgegriffen und über die "klassischen" Kanäle verbreitet, erhöht dies dann die Reichweite. Insofern scheint eine Folgerung aus der Studie zu sein, dass extremistische Strömungen und Aktionen durchaus Gegenstand der Medienberichterstattung sein sollten, die Fokussierung auf einzelne Personen und das bloße Einbinden von Tweets aber eher nicht zu einer sachlichen Auseinandersetzung führen, sondern einzelnen Extremisten bzw. Accounts schlicht zu mehr Popularität verhelfen.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Ein großer Unterschied ist sicherlich, dass ISIS von potentiellen Unterstützern als sehr viel geheimnisvoller und verschlossener wahrgenommen wird, was deren Anziehungskraft in bestimmten Kreisen noch erhöht. Während deren Netzwerke auch Propaganda und talking points verbreiten, geht es den Accounts aus diesem Spektrum laut der Studie jedoch vor allem darum Akteure zu vernetzen und eine (virtuelle) Gemeinschaft entstehen zu lassen(mit einem positiven Erscheinungsbild und potentiellen Ansprechpartnern). White nationalists dagegen gehen neben der Verbreitung der eigenen Weltsicht vor allem der Tätigkeit des Trollens nach, zetteln Shitstorms an und versuchen eine angebliche Meinungsübermacht im Bereich des eigentlich Unsagbaren (zum Beispiel wegen angeblicher political correctness) zu demonstrieren. 

Desweiteren hat ISIS meist den news cycle auf seiner Seite. Fast täglich gibt es Meldungen, die im Zusammenhang mit dem Islamischen Staat oder anderen radikalislamistischen Gruppen stehen. Dies liefert einfache Anknüpfungspunkte zur "Medienarbeit". Rechtsextremisten scheinen eher die eigene Weltsicht (und deren historischen Wurzeln) immer wieder aufs Neue zu verbreiten. Allerdings kann sich dies - wie Charlottesville gezeigt hat - schnell ändern. Solche Ereignisse begünstigen die Rekrutierung und die Planung von Aktionen. Auch die Fragmentierung, die laut Studie im rechten Spektrum stark ausgeprägt ist, kann so verringert werden (die Demonstration in Charlottesville wurde ja auch unter dem "Motto" Unite the Right angemeldet). Dennoch bleiben natürlich die Ziele und die Aufforderungen aktiv zu werden unschärfer als bei der Propaganda von ISIS. 

Neben technischen Anstrengungen seitens der Plattformbetreiber, die durchaus kritisch zu sehen sind, wird Extremisten durch die Eigenheiten virtueller Debattenkultur das Leben scheinbar zunehmend schwerer gemacht. Sei es, dass Gegenmeinungen trotz fehlender sachlicher Auseinandersetzung öffentlich vertreten werden, oder schlicht andere Trolle die Diskussionen sprengen. Neu war nach Charlottesville auch, dass Aktivisten soziale Medien dazu nutzten Teilnehmerinnen und Teilnehmer "an den virtuellen Pranger" zu stellen. Am besten funktioniert aber offenbar sich extremistischen Meinungen in der Realität entgegenzustellen:



Festzuhalten bleibt, dass rechtsextreme Stimmen in sozialen Medien (nicht nur in den USA) an Bedeutung gewonnen haben und deren Wachtumsdynamik die von ISIS mittlerweile übertrifft. Dies hat wie oben aufgeführt mehrere Gründe, neben technischen Sperren u.ä. von islamistischen Inhalten, sicherlich auch der bewusste Drahtseilakt zwischen Äußerungen, die unter die Meinungsfreiheit fallen und solchen, die rechtlich nicht mehr zulässig sind.

Einig im Hass

Trotz aller Unterschiede, man fragt sich, woher der Hass und das Sendungsbewusstsein dieser Menschen kommen. Bei der Suche nach Ursachen sollte man sehr vorsichtig sein, schließlich sind die Ausgangsbedingungen von radikalislamistischem und Rechtsterrorismus in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlich. Doch ein Faktor bei der Frage nach den Ursachen von Gewalt ist Angst. Angst vor Marginalisierung, Abstieg oder der Hilflosigkeit nicht mehr Subjekt, sondern bloßes Objekt zu sein.

Die Nobelpreisträgerin von 1993, Tony Morrisson schrieb dazu Ende des vergangenen Jahres in ihrem Artikel "Making America White Again" im New Yorker: "These people are not so much angry as terrified, with the kind of terror that makes knees tremble."

Montag, 21. August 2017

Keine Polizei ist auch keine Lösung

"Wenn man eine Gemeinschaft aufbaut, dann verschwindet die Gewalt."

In den USA gibt es vermehrt Stimmen, die Alternativen zur Polizei als (einzige) Trägerin der öffentlichen Sicherheit suchen. Das können gemeinschaftliche Ansätze sein, wie im oberen Zitat angedeutet, die kriminalitätsbelastete Orte aufwerten wollen. Oder sog. "Peace Circles", die Gewalt und Verbrechen aufarbeiten sollen. Auch Formen der Rechtssprechung, wie sie z.B. in Ruanda nach dem Völkermord von 1994 praktiziert wurden (die sog. Gacaca wurden 2002 reaktiviert, um den Versöhnungsprozess voranzutreiben), können alternative Formen der Strafverfolgung sein.
Doch inwiefern untergräbt dies nicht die Legitimität des Staates, dessen Bürgerinnen und Bürger selbst Träger der staatlichen Gewalt sind und ein Interesse daran haben, dass staatliche Institutionen die eigene Unverletzlichkeit schützen? 
Kommen wir also schlicht nicht ohne Polizei aus? Das kommt darauf an, wer mit diesem «wir» gemeint ist. Die Argumentation von Hobbes ist gänzlich aus der Perspektive des Besitzbürgers formuliert, der sich um sein Eigentum sorgt. Tatsächlich wird Menschen, die zur hiesigen Mehrheitsgesellschaft gehören, einen Job haben, vielleicht eine Immobilie ihr Eigen nennen und keine Suchterkrankung haben, die Institution der Polizei kaum Kopfzerbrechen bereiten. Mit dieser dürften sie im Alltag nur selten in Berührung kommen.
Oberes Zitat macht deutlich, worum es geht: Nicht alle Bürgerinnen und Bürger sind gleichermaßen von Verfehlungen betroffen. Vorschläge zu Alternativen des staatlichen Gewaltmonopols, das mit Hilfe der Polizei durchgesetzt wird, kommen zum Beispiel aus der Richtung der Black Lives Matter-Bewegung, deren AktivistInnen sich u.a. gegen Polizeiwillkür und -gewalt einsetzen. Die Kritik an der Polizei zielt dabei aber direkt auf innerinstitutionelle Veränderungen ab, bzw. richtet sich gegen ursächliche systemimmanente Phänomene, wie es der Rassismus in den USA eben auch heute noch ist. 
"The Wall of Plexiglass" - Polizisten beim G20-Gipfel in Toronto 2010. Credits: ebt47563, via Flickr
Das ist wichtig sich vor Augen zu rufen, denn Polizeikritiker kommen durchaus auch aus ganz anderen Richtungen. Zum Beispiel aus den Reihen der Libertarier, die Sicherheit als ein Gut wie jedes andere ansehen, das sich durch private Anbieter "herstellen" und "verteilen" lässt. Welche Konsequenzen dies hat, lässt sich leicht prognostizieren. Das Sicherheitsluxuspaket für die einen (möglicherweise sogar inkl. des Schutzes privater Daten), der Basisschutz mit zahlreichen Einschränkungen, was den "Service" (Reaktionszeiten; Ausschluss bestimmter Gebiete für Hilfe; Datenerfassung;...) angeht.
Also auch ein Ungleichgewicht, allerdings ein transparenteres und marktgesteuertes? So einfach ist es nicht, schließlich kann eine staatliche Institution viel stärker evaluiert und reguliert werden. Kritik am Vorgehen staatlicher Akteure kann zu Konsequenzen und Veränderungen führen, die deeskalierend wirken und weit über die Möglichkeiten der Regulierung privater Akteure hinausgehen.

Daniel Hackbarth kommt so in seinem Artikel "Wer braucht schon die Polizei" in der Wochenzeitung - WOZ zum Schluss, dass die Alternativen sicherlich nicht als ultimative Problemlöser taugen - aber manche:

"[...] beweisen politische Fantasie, die humanere gesellschaftliche Zustände anvisiert. Und schon das ist in einer Zeit, in der ReaktionärInnen den Ton angeben, viel wert."