Donnerstag, 19. Januar 2017

Jedes Mal wenn sich jemand auf Parship verliebt, stirbt ein Kind im Jemen

Abgesehen davon, dass die angepriesenen elf Minuten der Singlebörse eigentlich eher Anti-Werbung sind, ist die Rechnung in der Überschrift natürlich nicht nur zynisch, sondern auch plakativ. Aber sie weist auf eine Tatsache hin, die sich nur durch konsequentes Wegschauen ignorieren lässt: alle 10 Minuten (da sind die Verliebten gerade noch dabei den Ort ihres ersten Dates auszumachen) stirbt im Jemen ein Kind an den Folgen des Krieges.

Mehr als 10.000 Menschen sind seit Beginn des Krieges durch Beschuss ums Leben gekommen, mehrere Millionen sind auf der Flucht. Hinzu kommen die angesprochenen tausenden Toten, die von Bomben verschont, dann aber aufgrund von Nahrungsknappheit, schmutzigem Wasser und mangelnder medizinischer Versorgung ihr Leben lassen müssen.

Von etwa 28 Millionen Einwohnern sind fast 19 Millionen, also ca. 70 Prozent, auf Hilfe von Außen angewiesen - Quelle: Yemen 2017 Humanitarian Needs Overview (HNO)


Saudi-Arabien und die aus zehn Staaten bestehende Koalition begann mit ihrer Militäroperation im späten März 2015 und versucht seitdem die Houthi-Rebellen aus ihrer Machtposition zu vertreiben. Die Mehrheit der zivilen Opfer kam bei saudi-arabischen Luftangriffen ums Leben. Trotzdem besteht das Land darauf, wirksamen Zielauswahlkriterien zu folgen.

Neben der Frage, inwiefern die internationale Staatengemeinschaft nicht stärker darauf drängen sollte, die Luftoperationen Saudi-Arabiens einzuschränken oder zu beenden, zeigt sich im Jemen mal wieder ein altes Problem: die Unterstützung für die vom Krieg betroffenen Menschen reicht nicht aus. Die Operationen der UN sind unterfinanziert. 

11 Prozent der benötigten Mittel wurden für 2017 bereit gestellt, 2016 waren es 90 Prozent. Das klingt viel, doch ruft man sich vor Augen, dass mit dem Geld die grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen wie Nahrung, Wasser und Unterkunft befriedigt werden, bedeuten diese fehlenden zehn Prozent schlicht menschliches Leid - und bilden eine Ursache von Flucht und Migration - Quelle: OCHA Yemen

Meistens tröpfelt das Geld im Verlauf des Jahres ein, auch dramatische Ereignisse wie eine besonders hohe Zahl an zivilen Opfern bei Angriffen oder Anschlägen, führen dazu, dass Gelder bereitgestellt werden. Eine langfristig angelegte und nachhaltige Unterstützung der Menschen ist damit aber kaum möglich.  

Samstag, 14. Januar 2017

Flagge zeigen in Zeiten des Terrors

Unser Mitgefühl kommt heute aus dem Beamer — über das angestrahlte Brandenburger Tor als Mittel der Politik und Ausdruck unserer Wahrnehmung der Welt

Die Lektüre von Online-Kommentarspalten ist kaum zu empfehlen. Zu viele Trolle, zu viele Pächter der absoluten Wahrheit, zu wenig Raum (obwohl theoretisch unendlich vorhanden) für eine sachliche Auseinandersetzung.

In die Kategorie “Sachliche Auseinandersetzung nur schwer möglich” fällt auch die Frage, wann das Brandenburger Tor warum und wie angestrahlt wird. Vor einigen Tagen wurde die israelische Flagge auf das Berliner Wahrzeichen projiziert, kurz zuvor leuchtete es in den türkischen Farben, kurz vor Weihnachten in Schwarz-Rot-Gold, gemeinsam mit der Fahne Berlins. Die belgische, die französische und die Regenbogenflagge waren ebenfalls schon zu sehen.


Quelle: Von GillyBerlin - https://www.flickr.com/photos/gillyberlin/25691973390/, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47694860

Die Reaktionen sind dabei stets gemischt. Gerade die israelische Flagge hatte eine große Symbolkraft, angesichts der Tatsache, dass vor acht Jahrzehnten noch Hakenkreuzfahnen von dem Säulenbau wehten. Aus diesem Grund wurde dieses Zeichen der Solidarität in einen größeren Kontext eingebettet. So euphorisch diese Geste begrüßt wurde, so harsch waren manche Reaktionen, die fragten, wann denn die "Flagge Palästinas" aufleuchten würde. Schließlich gebe es in den besetzten Gebieten tagtäglich Anlässe um Solidarität zu zeigen.





Diese Auseinandersetzung zeigt ein Dilemma auf. Natürlich lässt sich einigermaßen nachvollziehbar argumentieren, dass die gezielte Tötung der vier jungen israelischen Soldaten nicht gleichzusetzen ist mit Auseinandersetzungen in den besetzten Gebieten, wenn es darum geht Aktionen als Terrorismus zu definieren.

Klar ist aber auch, dass offenbar in einem äußert komplexen und diffizilen Gebiet ad-hoc Wertungen vorgenommen werden. Es ist am Ende schlicht eine politische Entscheidung, die in der Berliner Senatskanzlei getroffen wird.

Überraschenderweise ist das Thema in der Parlamentsdokumentation des Abgeordnetenhauses noch nicht zu finden und war noch nicht Gegenstand einer kleinen Anfrage oder ähnlichem. Überraschend daher, da es sich gut eignet öffentlichkeitswirksam ausgeschlachtet  zu werden und mit vereinfachenden Botschaften Kritik an der vermeintlichen Willkürlichkeit bzw. der tatsächlichen Wertung von Ereignissen seitens der Regierung zu üben.

Wann wird also angestrahlt? Der rbb-Landeskorrespondent Jan Menzel sagte im Juni vergangenen Jahres: "Da legt man schon eine hohe Latte an." Doch was bedeutet das genau? An die Zahl der Opfer, die perfide Qualität der Attacke, die Region in der Welt? Zynisch: an den Wert der Menschenleben?

Denn auch wenn die Emotionen um das Anstrahlen des Brandenburger Tors mit der Israel-Flagge eher die tiefen Gräben des Nahostkonflikts, aber auch manch tiefsitzendes antisemitisches Ressentiment zeigen, so lässt sich die Auseinandersetzung natürlich verallgemeinern.

Wo bleibt die syrische Flagge? In der vergangenen Woche wurden 43 Menschen im Norden Syriens getötet, wenige Tage zuvor 15 in Dschabla, einer Stadt an der Küste naha Latakia.

Wo bleibt die irakische Flagge? Vergangenes Wochenende wurden 18 Menschen Opfer zweier Anschläge.

Wo bleibt die Flagge Somalias? Mitte Dezember wurden 30 Menschen bei einem Anschlag in der Hauptstadt Mogadischu getötet, etwa 50 verletzt.

Wo bleibt die afghanische Flagge? Vor wenigen Tagen starben mehr als 50 Menschen bei zwei Anschlägen in Kabul und Afghanistan.

Wo ist die Flagge Pakistans? Im November wurden bei einem Anschlag mehr als 50 Menschen getötet. Auch wenn die Zahl der Anschläge gesunken ist, so sind sie doch ein monatliches Ereignis.

Vielleicht ist genau das ein wichtiger Punkt. In bestimmten Regionen haben wir uns bereits daran gewöhnt. Terroranschläge sind dort Teil des Alltags. Konflikte, die das Machtvakuum schaffen, auf das Terrorgruppen angewiesen sind, um auch als militärischer Akteur agieren zu können, sind fast schon selbstverständlich vorhanden und tiefsitzend. Die Attacken werden so eher als Kriegshandlung wahrgenommen, denn als feiger und krimineller Akt. Doch in ihrer Qualität unterscheiden sie sich erst einmal nicht von Brüssel, Nizza oder Berlin.

Diese Orte sind uns natürlich näher als Quetta, Kabul, Bagdad oder Mogadischu. Menschen funktionieren so, kann also kein Vorwurf sein. Doch vergegenwärtigen sollte man sich diese Tatsache schon. So wie nicht "wir", das heißt der reiche Norden, die Hauptlast der Flüchtlingsbewegungen tragen, so zahlen auch nicht wir den "Blutzoll" des globalen Terrorismus.

Wichtig ist in dem Zusammenhang auch die Frage: Wer zieht wo die Grenze? Istanbul verdient unsere Solidarität, doch an der türkischen Außengrenze endet sie? Und könnte die Entwicklung in der Türkei hin zu einer Autokratie dazu führen, dass uns das Land fremder wird und auf politische Gesten der Solidarität verzichtet wird? Ja noch mehr, dass irgendwann implizit ein leises "Selbst schuld" mitschwingen könnte, wenn die widersprüchliche Politik bei der Bekämpfung des IS und die Abwendung von einer Entspannungspolitik mit den Kurden zu noch mehr Gewalt führt? Oder bleibt Istanbul als Partnerstadt Berlins von solchen Überlegungen ausgenommen?

Keine einfachen Fragen und sicherlich bei den ersten Aktionen nicht wirklich bedacht. Es ist ja eigentlich niedlich, wie naiv eine solche Entscheidung anfangs gefällt wurde. Nämlich im Glauben daran, ein herausgehobenes und besonderes Zeichen des Mitgefühls zu senden. Um irgendwann festzustellen, dass man den Beamer gar nicht mehr ausschalten bräuchte. Das gilt nicht nur in Berlin, sondern auf der ganzen Welt, wo Gebäude solidarisch leuchten.

Darüber hinaus kann man natürlich auch grundsätzlich in Frage stellen, ob eine solche Geste nicht eine ähnliche Tiefe aufweist wie das Unterzeichnen einer Online-Petition. Gut gemeint, aber letztendlich nutzlos.



Was bleibt also von solchen Aktionen? Letztlich reflektieren sie unsere Weltsicht, unsere Einteilung der Welt und unsere Wahrnehmung von Bedrohungen. Sie sind Ausdruck unserer Ängste und des Gefühls "Das könnte auch hier passieren." Auch deswegen würde man wohl kaum zivile Opfer im Jemen, im Sudan, in Libyen, in Myanmar oder der Ukraine würdigen, zu weit weg erscheinen (und sind es letztlich ja auch) uns Bombardements, Verfolgung und Massaker.

Gäbe man dadurch diese Geste auch nicht der Beliebigkeit preis? Eine Flagge, die täglich auf Halbmast steht? Oder wäre ein Brandenburger Tor das jeden Tag aufs Neue leuchtet eine Mahnung an uns hinzuschauen und uns klar zu machen, wie privilegiert wir eigentlich tatsächlich sind?

Sonntag, 8. Januar 2017

Mit Smoothies die Welt retten?

"Life-Hacks of the Poor and Aimless - On negotiating the false idols of neoliberal self-care" - In ihrem Text beschäftigt sich die Autorin Laurie Pennymit dem Zwang zur Selbstoptimierung und dem politischen Gehalt eines ökonomisch eingebetteten Individualismus, der wirkliche Debatten um systemische Probleme und Fragen der Zukunftsfähigkeit unserer globalen Gesellschaft beiseite schiebt und Erfolg als einzige Option kennt. Unabhängig von äußeren Umständen: Der Satz "Wellness, has become an ideology", und das Konzept des "Design Your Life" (oder einfach DYL) sind offenbar Ausdruck des (unbewussten/stillschweigenden und oktroyierten, also offensiv verbreiteten) Eingeständnisse, dass nur noch bei einem selbst Gestaltungsraum vorhanden ist. Das führt dazu, dass jegliches "Versagen", Krankheiten oder negative Sichtweisen nicht mehr in einem breiteren Kontext auf ihre tatsächlichen Ursachen untersucht und Armut, Ungerechtigkeit oder Wachstumskosten einfach ausgeblendet werden. 

Penny beschäftigt sich aber auch mit der Frage einer möglichen Selbstliebe, die nicht von dem Mantra der Selbstoptimierung getrieben ist. Denn so berechtigt die Kritik an der neoliberalen Ideologie sein mag, am Schluss muss auch die Einsicht stehen, dass reine Dystopien einem auch nicht helfen aus dem Bett zu kommen. Und trotz aller Gründe nicht aufzustehen, ist es berechtigt darauf hinzuweisen, dass es auch noch andere Möglichkeiten gibt die Welt für sich und andere zu einem besseren Ort zu machen. Es müssen eben nicht Smoothies sein, Solidarität, Toleranz und Interesse für sein Gegenüber haben eine politische Dimension und sind so die Werkzeuge eines jeden Individuums die Welt (mit) zu retten.

"Der späte Kapitalismus ist wie Dein Liebesleben: durch einen Instagram-Filter sehen sie viel weniger trostlos aus. Der langsame Zusammenbruch des Sozialvertrages bildet die Kulisse der modernen Manie um "clean eating", einen gesunden Lebenswandel, persönliche Produktivität und "radikale Selbstliebe" - das Beharren darauf, dass wir trotz aller Hinweise, die auf das Gegenteil hindeuten, mit einer positiven Haltung ein sinnerfülltes Leben leben und Glück erstreben können. Und ein paar Dehnübungen machen, während der Planet brennt. Je furchteinflößender der wirtschaftliche Ausblick und je höher das Wasser steigt, desto stärker dreht sich die öffentliche Debatte um individuelle Selbstentfaltung als verzweifelter Versuch das Gefühl aufrechtzuerhalten, wir hätten noch die Kontrolle über unser Leben"

Hier geht es zum gesamten Text (English).

Mittwoch, 4. Januar 2017

Das Märchen vom "Wir schaffen das" - neu erzählt

Das Jahr 2017 ist noch jung. Die Jahresrückblicke könnten noch ganz nah sein, doch die Anschläge in Istanbul und Berlin und der Sturm auf Aleppo haben das Meiste schnell verblassen lassen. Ein paar verstobene Prominente finden in unserer Erinnerung noch Platz - das war es dann.

Was ist also 2016 in der Frage, die offenbar die ganze Gesellschaft - alt und jung, arm und reich - umtreibt, passiert? Was ist mit "den Flüchtlingen", die bei vielen Weihnachtsessen Thema waren und zu einer (positiv ausgedrückt) Politisierung bzw. (negativ ausgedrückt) zu einer Polarisierung der Menschen beigetragen haben? Legen sie unsere öffentlichen Einrichtungen lahm, planen Anschläge und - fast das Schlimmste, wenn man manchem Politiker glauben darf - holen sie gar ihre Familie nach?

Das ist ein wenig polemisch, schließlich sind manche Kommunen tatsächlich überfordert (gewesen), oder hatte und hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Probleme Anträge zu bearbeiten. Auch wurden von Einzelnen Anschläge geplant oder verübt. Doch jeder und jede, die hier zustimmend mit dem Kopf nicken und das Ganze hinsichtlich der Terrorgefahr mit einem "Sag ich doch" quittieren, sei gesagt: Die taktischen Mittel von Terrorgruppen sind dynamisch und lassen sich aufgrund der niedrigen Hürde, was die Auswahl an Zielen angeht* leicht anpassen. Vielleicht würde eine 100-prozentige Abschottung das erschweren, aber dennoch nicht verhindern. Und 100 Prozent gibt es nicht einmal in der Exklave Ceuta, die 18,5 Quadratkilometer, also ungefähr so groß wie der Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain, ist. Die grundsätzliche Vermischung zwischen Terrorismus und Flüchtlingsbewegungen macht entsprechend einfach keinen Sinn, vor allem weil die Ursachen des Terrorismus damit verdrängt werden.

"Wir schaffen das" verstellt Blick auf Realität

Kanzlerin Angela Merkel wird ihr Satz "Wir schaffen das" von interessierter Seite immer wieder aufs Neue vorgehalten. "Naiv", "gefährlich" oder "weltfremd" sei der gewesen. International wird sie dafür als Vorbild gelobt. Hier muss man nochmals deutlich machen, wie postfaktisch sich alle verhalten (oder sich schlicht lächerlich machen), die diesen Satz als Beweis für eine "unkontrollierte Zuwanderung" sehen. Als "verhängnisvollen Fehler" oder "Chronik eines Staatsversagens". Der Artikel "Merkel war es nicht" bietet hier Aufklärung. 

Doch die Reaktionen genügten, dass sie sich von diesem Satz distanzierte. Was ist denn tatsächlich passiert? Merkel sagte im August 2015 "Wir schaffen das" und mehr als Millionen Menschen kamen? Oder eskalierte u.a. der Krieg in Syrien, stürzte Afghanistan weiter ins Chaos und brach die internationale Gemeinschaft wie meistens ihre Versprechen Hilfsorganisationen angemessen zu finanzieren und damit Flüchtlingen in der Region eine Perspektive zu bieten?

In Zahlen drückt sich das Ganze so aus: Von Januar bis Dezember 2015 wurden im EASY-System des BAMF 1.091.894 Zugänge von Asylsuchenden erfasst. Die politische Diskussion wurde schriller, das Ende Deutschlands und Europas beschworen. Die Balkanroute wurde geschlossen, der EU-Türkei-Deal abgeschlossen, Grenzkontrollen eingeführt und der Familiennachzug stark erschwert. Im Ergebnis, dass zwischen Januar und November 2016 304.929 Zugänge von Asylsuchenden registriert wurden.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Auf der einen Seite gilt Merkel also als "Flüchtlingsfreundin", das heißt sie wird von Teilen ihrer eigenen Partei und allen, die sich weiter rechts positionieren, angefeindet. Links der Mitte dagegen überlegen viele sie bei den kommenden Bundestagswahlen zu wählen, um Schlimmeres zu verhindern und ihre scheinbar moderate bzw. progressive Flüchtlingspolitik zu stärken. Genau hier lässt sich das Märchen vom "Wir schaffen das" neu erzählen.

Denn 2016 sind zum Beispiel so viele Flüchtlinge wie nie zuvor über das Mittelmeer nach Italien gekommen. Mehr als 181.000 Menschen sei die gefährliche Reise gelungen, fast ein Fünftel mehr als im Vorjahr. 2016 war auch das tödlichste Jahr auf dem Mittelmeer. Es ist schlicht ein Ergebnis davon, dass noch nie so viele Menschen auf der Flucht waren wie heute. Mehr als 65 Millionen Menschen leben als Binnenvertriebene oder sind auf der Flucht. Dass die Zahlen hier nicht entsprechend steigen, zeigt, dass trotz aller Vorwürfe und Bekenntnisse der Versuch der Abschottung auf Hochtouren läuft. Und auch die Asylgesetzgebung ist restriktiver als je zuvor.

Der Kanzlerin sollte also der Applaus der Ewiggestrigen sicher sein, die am liebsten überhaupt keine Zuwanderung wollen, und wenn dann nur ein paar Wissenschaftler und Ingenieure gegen den sogenannten Fachkräftemangel ins Land lassen wollen. Stattdessen erntet sie bei der Schwesterpartei und in den eigenen Reihen weiter Gegenwind, bzw. sieht sich mit immer neuen Forderungen konfrontiert. 

Wie ist das möglich? Merkel hat die Zahl der Asylsuchenden massiv verringert, mit Mitteln, die an den so gerne beschworenen Werten Europas und Deutschlands rütteln. Wie ist eine öffentliche Debatte darüber, wie eine moderne und der Realität angepasste Einwanderungspolitik aussehen soll und welche moralischen und juristischen Verpflichtungen das Asylrecht nach sich ziehen in dieser Umgebung möglich?

Es müsste doch heißen: "Kanzlerin Angela Merkel hat zur Beruhigung der Stammklientel und um die Abwanderung zur AfD zu stoppen restriktive Maßnahmen ergriffen und die Zahl der ankommenden Asylsuchenden um 60 Prozent verringert." Dann könnte man diskutieren, wie man das bewertet.

Stattdessen #DankeMerkel und #ArmesDeutschland von der einen Seite und Applaus für das Standhalten gegen die immer neuen Forderungen nach noch mehr Abschottung (die nicht möglich ist, siehe oben) von der Anderen. 

Es muss jede und jeder für sich selbst bewerten, welche Politik er oder sie sich hinsichtlich des Umgangs mit Menschen, die aufgrund von Krieg, Verfolgung, Armut, oder Perspektivlosigkeit ihre Heimat verlassen, wünscht (Offenheit und ein realistischer Blick auf die Geschehnisse in der Welt? Oder Abschottung und das Verschließen der Augen vor dem Leid von Millionen?).

Doch dazu wäre es notwendig die aktuelle Politik auch an der Realität zu messen und zu analysieren, statt sie als Bauchgefühl in die eigene ideologische Komfortzone einzubauen. 


* Verletzung oder Tötung weicher Ziele -> d.h. Symbolik mag wichtig sein, ist jedoch nicht das Entscheidende. Sollten Innenstädte zu Sperrzonen und jegliche Großereignisse zu Hochsicherheitsveranstaltungen werden, dann "genügen" eben auch Attacken in Regionalzügen oder auf beliebigen Marktplätzen, um die eigenen Ziele, wie Destabilisierung, Polarisierung und das Auslösen entsprechender außen- und sicherheitspolitischer Reaktionen zu erreichen.

Samstag, 31. Dezember 2016

Trauriges Jubiläum in Mexiko: Der Krieg gegen die Drogen wird offiziell 10

Auf tagesschau.de (erschienen am 30.12. um 2:49 Uhr - so viel zur Prominenz) beschäftigt sich ein Artikel mit dem 10-jährigen Jubiläum des mexikanischen Drogenkrieges. Etwa 200.000 Menschen wurden den vergangenen zehn Jahren in Mexiko beim sog. "Krieg gegen die Drogen" getötet. Erfolge gibt es kaum, 2016 wurde ein neuer trauriger Rekord erreicht.

Rund 21.000 Menschen wurden in den vergangenen 12 Monaten getötet. Selbstjustiz scheint den Menschen oft als der einzige Ausweg, auch weil die Politik hilflos scheint. 2006 erklärte der konservative Präsident Felipe Calderón bei seinem Amtsantritt im Dezember 2006 den organisierten Kriminellen den Krieg: "Wir werden entschieden gegen diejenigen vorgehen, die uns herausfordern wollen. Niemand wird sich über das Gesetz stellen. In meiner Amtszeit wird es keine Straflosigkeit geben."

Dieser wirklich sehenswerte Animationsfilm (von 2012) gibt einem in elf Minuten eine Ahnung von dem Ringen der Bevölkerung inmitten des tobenden Konflikts ein normales Leben zu führen:


Reality 2.0 from Victor Orozco on Vimeo.


Dass 2016 das wohl tödlichste Jahr war, liegt auch an der globalen Drogenpolitik, die sich nur schleppend verändert. Man mag von Richard Branson halten was man will. In seinem Artikel bringt er einige der Probleme ganz treffend auf den Punkt und liefert Vorschläge:
Heute, nachdem Milliarden von US-Dollar ausgegeben, Millionen Menschen ins Gefängnis gesteckt, und Hunderttausende umgebracht wurden, wissen wir, dass dieser Krieg grandios gescheitert ist. Er war und ist eine Verschwendung von Geld, Ressourcen und Leben. Seine Folgen sind auf der ganzen Welt zu spüren. In Latein- und Mittelamerika hat dieser Krieg ganze Gemeinden verwüstet. Die Gefängnisse in den USA sind überfüllt mit jungen Männern und Frauen, die inhaftiert und verurteilt worden sind für den bloßen Besitz von Drogen. 

Der weltweite Sturm zu den Waffen hat weder den Bestand an illegalen Drogen noch die Nachfrage danach reduziert. Stattdessen verschärft sich die Gewalt und das unsägliche Leid, während eine angeheizte kriminelle Drogenindustrie jährlich geschätzt 320 Milliarden US-Dollar scheffelt.
Wir müssen endlich aufhören so zu tun, als könnten wir Drogen kontrollieren. Der einzige Weg, die Kontrolle zu übernehmen, wäre es, den Drogenkrieg zu beenden, die Märkte aus den kriminellen Netzwerken zurückzuerobern, und Regierungen die Verantwortung zu geben.
Dann könnten Mexiko und andere vom Drogenkrieg gezeichneten Länder vielleicht weitere Jubiläen abwenden.

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Wie sicher ist mein Messenger?

Von den Tücken privater Kommunikation im digitalen Raum berichten in ihrem Vortrag Roland Schilling und Frieder Steinmetz von der Technischen Universität Hamburg auf dem 33. Chaos Communication Congress (33C3). Wer kann mitlesen? Mit wem schreibt man überhaupt? Und gibt es die Möglichkeit, dass Nachrichten verfälscht sein könnten? Einen Übersichtsartikel liefert Patrick Beuth auf ZEIT Online:

Der Doktorand Schilling und sein Mitarbeiter Steinmetz übersetzen ihr Expertenwissen über sicheres Messaging in ein Szenario, das auch Einsteiger nachvollziehen können. "Stellt euch vor, ihr seid auf einer Party mit vielen Menschen", sagt Schilling, "und wollt dort mit einem Freund unter vier Augen sprechen. Wie würdet ihr das angehen?" 

Den kompletten Vortrag im Video: